Was Management von Weltmeistern lernen kann

Stephan Stockhausen Führung & Persönlichkeit 1 Comment

Es ist der Titel Nummer vier für die Nationalelf geworden, vielleicht war das ihre Erfolgformel: Jeder trägt Verantwortung für das gemeinsame Ideal, das Einbringen seiner Einzelstärken und den Respekt im Miteinander.

Beim intuitiven Bogenschießen heißt es: Ein guter Schütze trifft sein Ziel immer.
Mit klassischer Leistungsdenke geht man nun davon aus, dass ein guter Schütze immer den Apfel vom Kopf schießen kann. Das ist aber nicht gemeint.
Der Schütze definiert sein Ziel selbst. Ein Anfänger ist froh, einen Pfeil überhaupt in Richtung Scheibe zu bekommen, irgendwann ist das Ziel, sie regelmäßig zu treffen, dann visiert er vielleicht einzelne Bereiche an. Persönlich kann es mir aber vielleicht eher wichtig sein, saubere Bewegungen auszuführen, in einen gleichmäßigen meditativen Rhythmus zu kommen usw.
Der Schütze definiert sein Ziel selbst. Ist er realistisch genug, setzt er sich ein ambitioniertes UND erreichbares Ziel.

Das Motto der deutschen Mannschaft hieß “Bereit wie nie”. Das Team hat gelernt. Es hat ein Reifeprozess stattgefunden.
Klar wären die Kicker gern schon vor 12, 8 oder 4 Jahren Sieger gewesen. Aber sie haben aus Niederlagen gelernt, sich entwickelt und damit zur richtigen Zeit das richtige Ziel fokussiert. Und sie haben sich ein emotionales Zielbild, eine Vision gesteckt.

Zielfokussierung und die Chance zum Erfahrungslernen gehen im Aktionismus des Unternehmensalltags gern verloren. Was das eigentlich Wichtige ist, wissen Fach- und Führungskräfte mitunter nicht zu beantworten, geschweige denn, dass sie emotional dafür brennen.
Und ganz ehrlich: ein sinnleeres Ziel wie beispielsweise die Höhe der Umsatzsteigerung motiviert auch nicht ernsthaft – zumindest nicht auf längere Sicht.

Außerdem legen intelligente Teams Verhaltensnormen fest, mit denen sie ihr Ziel erreichen wollen. Die Nationalmannschaft hat unter Jürgen Klinsmann begonnen, sich die Zuneigung ihrer Fans wieder zu erarbeiten. Das ging v. a. über leidenschaftlichen, ansehnlichen, begeisternden Fußball (in Dortmund überschrieben mit “echte Liebe”), Menschen sollten wieder stolz auf dieses Team sein.

Hoppla, da ist ja der Kunde im Blick.

Die Fans sind die Kunden der Fußballer

Ohne deren Begeisterung gäbe es keine Vermarktung, Fanmeilen, Werbezeiten, Gehälter… Sind die Straßen bei Liveübertragungen leergefegt, zeigt dies nur, dass die Kunden gut bedient werden und zufrieden sind (in Spanien saßen übrigens gerade mal 130.000 Zuschauer bei den Viertelfinals vor der Mattscheibe). Überall ist über das Auftreten und die Art und Weise des Spiels die Rede.
Das zeigt, dass sich die Orientierung auf das “WIE erreichen wir unser Ziel?” mindestens so lohnt wie die Definition eines kundenorientierten Ziels selbst.

Die Spieler haben wiederholt vom besonderen Teamgeist gesprochen. Und sie haben ein deutliches Signal gegeben, wo dies entsteht: im Alltag.
Daraus können Führungskräfte viel lernen: Teams entstehen nicht allein bei besonderen Veranstaltungen oder Weihnachtsfeiern, sondern im Alltag. Dort gemeinsam zu lernen und Teamdynamik zu leben, schafft dauerhafte Verbindung.

Wie sehr ein intelligentes System, der Schwarm einer Gruppe mit Einzelstars überlegen sein kann, zeigt der Fußball einmal mehr. Kollektives und integratives Verhalten bringt Unternehmen weiter als (Bereichs-)Egoismen, Bereichsdenken, Einzelerfolge.
Unternehmen agieren häufig noch als Truppe – feste Verantwortlichkeiten, Hierarchien, Rationalität, Einzelerfolge usw. Ein Team zeichnet sich dagegen durch ein stärkeres Maß an vertikaler, horizontaler und inhaltlicher Variabilität und durch Emotionalität aus.

Die Architektur Campo Bahias ist als “offen” beschrieben worden, wovon sich Unternehmen durchaus inspirieren lassen dürfen – nicht zu mehr Großraumbüros (in denen nur die Konzentration leidet), sondern zu mehr dialogfördernden Strukturen, Räumen und Kulturen.

So wichtig die Spielidee ist (s. o.), so wichtig ist eben auch, pragmatisch-realistisch zu lernen, also die Zukunft zu entwickeln. Vom Trainer Löw dürfen Führungskräfte lernen, wie man seine Ideale mit ihrer Entwicklungsrichtung in Verbindung bringt. Ästhetik braucht Funktionalität, so die simple Außenbetrachtung auf Jogi Löw.
Im Unternehmen darf und sollte man fragen: Was ist das Ideal meiner Organisation und was der zugehörige Gegenwert, zu dem ich die Verbindung herstellen sollte?

Moderne Führung erlangt Autorität heute anders, denn Führung leistet einen eigenen Teil zum Teamerfolg. Dieser muss sichtbar sein, um Autorität erwachsen zu lassen. Sonst ruht sie sich allein auf funktionaler Macht aus. Der Beitrag sollte aber speziell führungsbezogen sein. Spielertrainer sind schon lange nicht mehr in Mode und Führung ist ein ganz eigener Beruf.

Aus den Bedingungen das Beste machen

Das ist sicherlich eine der wichtigsten Lehren der letzten WM-Wochen. Klar hätte Löw gern Spieler wie Reus oder Gündogan mitgenommen, hätte gern neben Klose noch 1-2 weitere Topstürmer im Aufgebot gehabt… Das Leben ist kein Wunschkonzert.
Führungskräfte können sich Teammitglieder nicht backen, auch wenn sie sie selbst auswählen, bleiben es Menschen mit Stärken, Fähigkeiten und Macken und Limits. Menschen den Rahmen zu geben, in dem sie bestmögliche Leistung geben können und wollen, ist Führungsaufgabe.
Sein Ziel so anzupassen, dass es zu dem passt, was geht und nicht an dem auszurichten, was man sich im Idealfall träumt, ist gute Führungsarbeit – der gute Schütze weiß eben, welche Meisterschaft er gewinnen kann.

Comments 1

  1. Felix Wiesner

    Großartig!

    Der Manager hat den Blick auf zwei Dinge gerichtet: Die Bedürfnisse derer, die für ihn arbeiten, damit diese engagiert und erfolgreich die Bedürfnisse der Kunden (und hoffentlich bald Fans) der Leistung erfüllen. Darauf achtet der schlaue Manager dann auch.
    Damit ist klar – er steht im Dienst der Mannschaft UND der Kunden. Er gibt nicht das, was er kann oder könnte, sondern das, was gebraucht wird. DAS, WAS GEBAUCHT WIRD, liebe Managerinnen und Manager. Und was das ist, bestimmt grad nicht der Trainer, oder dessen Kompetenz, sondern die Mannschaft und die „Fans.“ – Sonst gehts früher „heim“.

    Vielen Dank für diesen Beitrag, Herr Stockhausen.

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