Führungskultur – „know-why statt know-how“

Jennifer Julie Frotscher Allgemein, Führung & Persönlichkeit, Karriere & Erfolg, Top Topics Leave a Comment

In Unternehmen verschieben sich die Machtverhältnisse – und zwar in Richtung Arbeitnehmer. Sind hierarchiefreie Betriebe ohne Führungskräfte das Modell der Zukunft? Auf der Messe PERSONAL NORD in Hamburg spricht Frank Kohl-Boas, Personalleiter bei Google Germany, am Dienstag, 6. Mai, über neue Formen von Führung und Zusammenarbeit – und den Wertbeitrag der Personalverantwortlichen im Zuge von New Work.

Heute sei ein neues Führungsverständnis notwendig: „Führen heißt nicht mehr, die Macht zu haben und einfach etwas anzuordnen“, so der Keynote-Speaker der PERSONAL2014 Nord. „Wissensarbeiter sollen sich selbst einbringen und das kann man ihnen nicht befehlen.“

Balanceakt zwischen Freiheit und Führung

Es gelte, sich jeweils auf ein Ziel zu einigen, dem Beschäftigten den Weg dorthin dann aber weitestgehend selbst zu überlassen. „Doch je mehr Freiheiten man dem Mitarbeiter gibt, desto mehr muss dieser bereit sein, Verantwortung, für sein Handeln auf sich zu nehmen“, meint Kohl-Boas. Führungskräfte müssten dafür sorgen, dass kooperative Zusammenarbeit nicht als Basisdemokratie missverstanden werde. Eine rege Diskussionskultur in den Teams sei zwar wünschenswert, aber letztendlich habe die Führungskraft qua Aufgabe das letzte Wort.

„New Work“ kann man auch radikaler umsetzen. Es geht darum, wie die Utopie von Gemeinschaft, Autonomie und Erfolg am Arbeitsplatz Realität werden kann. Den New Work Award auf Platz 3 hat die Agentur für Innovationsentwicklung, Dark Horse, gewonnen. Das Team von Dark Horse hält sich nicht an die gängigen Regeln für Gründungen, nachzulesen in dem Interview von Gero Hesse auf Saatkorn.de. Sie gründeten eine Innovationsberatung mit 32 Freunden, in der niemand mehr als drei Tage pro Woche arbeitet und das alles völlig hierarchiefrei. Es gibt keinen Chef, jeder kann und soll mitentscheiden, Fehler werden mit einem eigenen Award ausgezeichnet und neben der Arbeit bei Dark Horse gehen alle noch „ursprünglichen“ Berufen und vielfältigen Leidenschaften nach. Diese ungewöhnliche Kultur ermöglicht maximale Flexibilität und Autonomie, gerade weil die Gemeinschaft über allem steht. Das klingt wirklich utopisch, scheint aber sehr gut zu funktionieren. Diese Prinzipien sind eine Reaktion auf den Wandel in der Arbeitswelt. Christian Beine, einer der Co-Founder sagt dazu in dem Interview mit Gero Hesse: „das Taylor’sche Prinzip der arbeitsteiligen Organisation lässt sich mit dem Alltag des modernen Wissensarbeiters nicht mehr vereinbaren. Digitalisierung, Projektifizierung und Teamarbeit prägen das Arbeitsleben. Junge Absolventen wollen flexibel arbeiten und erwarten kontinuierliches Feedback.“

Die Rolle von Führungskräften verändert sich, alte Management-Strukturen und neue Leadership-Kompetenzen passen schlecht in eine einzige Person – das ist die Idee, die dahintersteht. Viele Unternehmen beladen die Positionen der Manager mit immer mehr Anforderungen und Aufgaben: Planung, Ressourcenverteilung, Kommunikation, Kontrolle, fachliche Versiertheit auf der einen Seite, auf der anderen soll die Rolle des Mentors und Coachs und des Motivators ausgefüllt werden, ausserdem sollte die Führungskraft natürlich noch ein visionärer “Leader” sein – wie soll das gehen?

Diesen Wandel kann man auch anders leben, meint Christoph Beinke von Dark Horse. Die neuen Anforderungen in eine alte Struktur pressen ist nicht sinnvoll. „All diese Bereiche sind ja wichtig und richtig, wir bezweifeln nur, dass sie unbedingt von einer oder wenigen Personen geleistet werden müssen. Unser Ansatz des posthierarchischen Managements beweist, dass es auch anders geht“, sagt er im Interview.

Auch Google macht es anders

Schon in der Anfangszeit von Google haben die Mitarbeiter die Bedeutung von Führungskräften hinterfragt. In der IT-Branche ist das nicht ungewöhnlich: Viele Ingenieure – nicht nur bei dem bekannten Suchmaschinenbetreiber – möchten ihre Zeit damit verbringen, neue Produkte zu designen anstatt mit Chefs zu verhandeln oder die Arbeitsleistung anderer zu kontrollieren. Google experimentierte deshalb schon 2002 damit, Ingenieure komplett ohne Management arbeiten zu lassen – allerdings nicht lange. „Denn schnell war klar: Wir brauchen Führungskräfte“, sagt Frank Kohl-Boas von Google.

Führung: ja – große Führungsschicht und Statussymbole: nein

Um das richtige Verhältnis zwischen Mitarbeiterfreiräumen und Führung zu wahren, setze Google zum einen auf eine relativ dünne „Führungsschicht“: 37.000 Mitarbeiter stehen 5.000 Managern, 1.000 „Directors“ und 100 „Vice Presidents“ gegenüber. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass 30 Mitarbeiter direkt an einen Engineering Manager berichten“, erklärt Kohl-Boas. Daneben halte der Internetkonzern die Führungskräfte dazu an, Mitarbeiter nicht personen-, sondern aufgabenspezifisch zu führen. Das erfordere von Führungskräften die Fähigkeit, verschiedene Führungsstile situationsgerecht anwenden zu können.

„Führung ist ein Privileg, das man sich erarbeiten muss – durch ein hohes Maß an Empathie, durch Vertrauen und Respekt in der Teamarbeit sowie die Fähigkeit, eine Richtung vorzugeben und in Konflikten zu entscheiden“, so der Personalchef. „Wenn eine Führungskraft Entscheidungen scheut, dann ist der- oder diejenige im falschen Job“, bekräftigt der Google-Personalmanager. Es bestehe immer die Gefahr, dass eine Entscheidung sich später als falsch herausstelle. Wichtig sei, dass Führungskräfte ihren Standpunkt begründen könnten, nach dem Motto „know-why statt know-how“ – vor allem, wenn die Auswirkungen schmerzlich seien, etwa für Ingenieure, deren Lieblingsprojekt nicht weiterentwickelt werde. Führungskräften und Personalern solle es darum gehen, für die Führungsleistung respektiert und nicht geliebt zu werden. „Geschäftserfolg lebt davon, schwere Entscheidungen zu treffen, zu verarbeiten und zu akzeptieren.“

In seinem Vortrag in Hamburg führt Frank Kohl-Boas die Anforderungen an Personaler im Umfeld zukunftsweisender Führung weiter aus und gibt Impulse für deren Berufspraxis.

Keynote-Vortrag von Frank Kohl-Boas

PERSONAL2014 Nord „New Work mit HR: Mitarbeiterorientierte Personalarbeit bei Google“
(CCH Hamburg) am Mittwoch, 7. Mai 2014, 14:45 – 15:30 Uhr, Praxisforum 1 – Halle H

Image credit: pressmaster / 123RF Stock Foto

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