57 Jahre in 2014 – Leben in der Schnittstelle von zwei Welten

Gudrun Kittel-Thong Allgemein Leave a Comment

Inspiriert zu diesem Beitrag haben mich meine Gedanken und Beobachtungen zum Leben heute:

• die Welt des Internets
• die zunehmende Beschleunigung
• die subtile und offensichtliche Manipulation durch Medien
• das Gefühl der Angst als Konsummotivator
• Kriege und Frieden
• Generationswechsel
• Veränderungen in Traditionen
• junge Menschen, verkannt, verwöhnt, überbelastet, alleingelassen
• alte Menschen, lästig, teuer, missverstanden, mit wichtigem Wissen

Früher war nichts besser, nur anders

Die gute-alte-Zeit ist ein Märchen und in Märchen steckt meist ein Körnchen Wahrheit, aber nur ein Körnchen. In meinen 57 Lebensjahren hat sich enorm viel verändert in allen Bereichen, die uns Menschen und die Welt als ganzes betrifft. Schreiben habe ich gelernt auf einer Schiefertafel. Meine inzwischen 25 und 26jährigen Söhne sind praktisch mit dem Computer am Bein geboren. Private Papierbriefe sind schon fast Seltenheit. Gleichzeitig ist es viel schöner, mit einer Freundin im Ausland per Skype zu reden und sich dabei zu sehen. Sie selbst können sicher auch einige Beispiele aufzählen, die Ihnen besonders auffallen.
Meine Generation – ich spreche jetzt von der deutschen – stammt zum überwiegenden Teil von Eltern ab, die den Zweiten Weltkrieg noch hautnah als Kinder oder junge Erwachsene erlebt haben. Ich vermute, dass sie fast ausnahmslos traumatisiert wurden, aber nie therapeutische Unterstützung bei der Bewältigung des Erlebten erhalten haben.

Und nicht nur das: deren Eltern haben den Ersten Weltkrieg erlebt und sind auch daraus, vor allem die Männer, shell shocked herausgekommen.
Dies sind Prägungen, die einen Menschen formen, das Verhalten bestimmen und noch nach Jahrzehnten unbewusst ablaufen. Kein Mensch ist eine Insel, aber vieles mussten diese Menschen inselartig allein mit sich abmachen und verarbeiten. Jetzt kommt die viel umworbene 55+ Generation. Die Kriegsenkel. In Friedenszeiten geboren, erzogen von Eltern, die oft keine unbeschwerte Kindheit und Jugend hatten, die Hunger kannten, die zum Teil alles verloren hatten und bei Null wieder anfangen mussten. Auch ich fühle mich in manchen Dingen kriegsgeprägt.

Food Fights, wie sie manchmal in Filmen gezeigt werden, empören mich. Existentielles Sicherheitsdenken ist ein wichtiger Faktor meiner Lebensqualität. Ich ertappe mich manchmal, zuviel an Vorratsdosen mit Essen im Regal zu haben obwohl ich doch jeden Tag zum Supermarkt gehen kann, und fleissige Menschen mit T-shirts ‘Wir lieben Lebensmittel’ (eigentlich auch ein kriegsbeeinflusster Slogan) dafür sorgen, dass die Regale nie leer werden. Ich erinnere mich ans schwarz-weiss Fernsehen mit nur zwei Sendern und die auch nur ab nachmittags, wo nach dem Abschalten noch lange ein weisser Punkt auf dem Bildschirm sichtbar blieb.Weihnachten war geprägt von Essen, Kerzen, Ruhe. Ostern war ein lustiges Fest. Einige Geschenke aus Schokolade, dafür hartgekochte Eier mit buntem Eiweiss bis zum Umfallen.Traditionen konnten von Jahr zu Jahr erhalten werden, weil sich innerhalb eines Jahres keine grossen Veränderungen ergaben.

Anders eben

Nicht besser, nicht schlechter. Aber in dieser Form nicht erhaltbar.
Schaue ich mir die jungen Menschen heute an, leben sie in einer Welt, die sich innerhalb von fünf Jahren mehr verändert als früher in vielleicht 50 Jahren. Und sie schaffen es, mitzuziehen, oberflächlich gesehen. Computersmart ist jede(r).
Technisch auf dem letzten Stand bleiben eine Leichtigkeit. (Ich komme schon ins Schwitzen, wenn ich ein update durchführen muss).
Die Welt steht ihnen tatsächlich offen. Optionen ohne Ende. Neue Berufe kommen auf, von denen man vor 10 Jahren noch keine Ahnung hatte. Gleichzeitig werden Ansprüche künstlich hochgeschraubt. TurboAbi für die Schlauen, 13 Jahre für die anderen. Mehr Fakten werden gegeben. Mehr Zeit wird genommen.
Ununterbrochenes Vergleichen und Bewerten. Ständiger Leistungsdruck von der Schule, in der Ausbildung, im Studium, zu Hause. Nur wer materiell beeindrucken kann ist der King. Nur wer dreimal im Jahr (ohne Erbschaft) Urlaub machen kann ist wirklich glücklich. Überregional agieren oder noch besser international ausgerichtet sein ist heute unerlässlich. Wer fängt heute noch in einer Firma an und bleibt dann 40 Jahre?

Eine neue Welt entsteht rapide

Lebensumstände sind im ständigen Wandel, dazu kommen ununterbrochene Veränderungen in medizinischen, ernährungstechnischen oder kommunikativen Bereichen. Alles toll. Beeindruckend. Ich staune und freu mich dann, wenn der Zahnarztbesuch allen Schrecken verloren hat. Fast. Es ist eine Welt, die mir von Zeit zu Zeit fremd ist. Mit der ich mich nicht so ganz identifizieren kann. Gleichzeitig ist es die Welt, so wie sie meine erwachsenen Kinder kennen. Jedes mal, wenn ich es mir wieder bewusst wird, fühle ich mich, als ob ich zwischen zwei Welten stehe:
Auf der einen Seite mein Leben, eng verknüpft mit meinen Eltern, den Kriegskindern und deren Eltern. Von mir glücklich erlebt, aber eben geprägt von Dingen die wiederum meine Kinder so gar nicht berühren, auβer vielleicht aus der historischen Perspektive.
Auf der anderen Seite das Leben der jungen Menschen heute: in eine Gesellschaft geboren, die wieder physisch aufgebaut ist. Wo der Fokus materiell aber auch zunehmend spirituell ist. Eine Einstellung mit mehr Leichtigkeit, eine can-do Ausrichtung. Mehr Mut zum Risiko und mit erstaunlichen Ergebnissen auf individueller und Gruppenbasis.
Irgendwie halte ich mit je einer Hand an beiden Welten fest und bin gleichzeitig in keiner mehr oder noch nicht so richtig beheimatet. Auch sehe ich die dringende Notwendigkeit, das wir – die alte Garde – mal endlich loslassen und der neuen Generation Freiraum geben, eine andere Welt zu gestalten. Krieg, in welcher Form auch immer, ist schon längst nicht mehr nötig, aber die alten Denkweisen: Macht; Geld; entweder-oder; Konkurrenz statt Kooperation sorgen dafür, dass immer wieder neue begonnen werden.Krieg wird tradiert.
Mit dieser Tradition kann gebrochen werden, auch wenn es dann viele, die damit aufgewachsen sind, verunsichert und verängstigt. Wie würden die jährlichen Feste wie Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Neujahr ablaufen, wenn sie nicht von den Medien hochgepeitscht werden, wenn sie nicht einmal im Kalender erwähnt wären? Was kann ich als Individuum, in meiner Selbstverantwortlichkeit, an dieser Schnittstelle den Menschen in dieser neuen Welt weitergeben?

Ich kann

  • Geduldig sein. Zuhören bis mein Gegenüber zu Ende gesprochen hat. Erst dann über meine Antwort nachdenken. Ich brauche nicht immer Recht behalten und alles jetzt sofort bekommen.
  • Aufmerksam sein. Im Hier-und-Jetzt sein, mich auf das konzentrieren, womit ich in diesem Moment zu tun habe. Mit Kopf und Körper präsent sein: mein Gegenüber ist wichtiger als jedes Signal auf meinen elektronischen Geräten.
  • Mir selbst treu sein. Kein Verbiegen, kein Verstellen.
  • Respekt zeigen. Demgegenüber, der Respekt verdient und braucht durch das eigene Verhalten; auch für Kinder und junge Menschen, dazu muss man manchmal durch das nach aussen getragene Verhalten hindurchschauen auf das, was gerade wirklich abläuft.
  • Rat geben, wenn darum gebeten wird. Sonst nicht.
  • Nur bewerten, wenn es darum geht, die eigenen Vorlieben herauszufiltern.
  • Zu meiner Meinung stehen, auch wenn sie von der allgemein akzeptierten abweicht.
  • Fehler zugeben.
  • Offen bleiben für Neues
  • Beispiel sein, tun, was ich ‘predige’ walk my talk
  • Mut zum Selbst haben.

Modell sein und vormachen, was ich gern mehr in meiner Welt erleben möchte. Als Angebot, nicht als Indoktrinierung. Jeder Mensch ist anders, auch wenn es gern mal belächelt wird. In einer Schnittstelle leben ist spannend, anstrengend und lebenswert zugleich.

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