Speed, Entschleunigung und Achtsamkeit

Holger Schmidt Gesundheits- & Stressmanagement, Zeitmanagement & Motivation Leave a Comment

Wer kennt diesen Satz nicht: „Ich muss mich beeilen, um zur Ruhe zu kommen“. So oder so ähnlich lautet die paradoxe Überzeugung, deren zu Grunde liegende Hoffnung sich regelmäßig nicht erfüllt. Testen Sie einmal, was passiert, wenn Sie sich diesen Satz im Alltagsstress bewusst machen.

Hohes Tempo macht Angst, Angst macht höheres Tempo

Hohes Tempo bei hoher Komplexität macht noch mehr Angst und erhöht das Tempo noch weiter. Hektik ist die kleine Schwester der Panik und nichts weiter als eine Ausdrucksform von Angst. Wie viele Entscheidungen werden täglich mit zu hohem innerem Tempo gefällt? Wie viel Geld wird kontinuierlich auf diese Weise versenkt? Ich gehe davon aus, dass analog zu den bekannten Qualitäts- und Konfliktkosten die Kosten durch hohe Geschwindigkeit mit zunehmender Dauer exponentiell steigen – individuell, kollektiv und global.

Wunderbar hat Thitch Nhat Hanh das Antidot formuliert: „Statt zu sagen: „Sitz nicht einfach nur da. Tu irgend etwas“, sollten wir das Gegenteil fordern: „Tu nicht einfach irgend etwas. Sitz nur da.“ Stellen Sie sich das einmal als Order von oberster Führung vor. Vollkommen unmöglich? Ich bin da nicht so sicher.

Wo und in welcher Situation Sie auch sind: Geben Sie sich Momente der Ruhe und der Entschleunigung. Achten Sie einfach mal eine Minute lang auf Ihre Atmung. Nur beobachten – nicht eingreifen. Oder scannen Sie sich einmal durch: von den Fußsohlen bis zu den Fingerspitzen und wieder zurück. Mit etwas Übung gelingt es Ihnen, daraus Gewohnheiten zu entwickeln. Meditation ist gar nicht so kompliziert und überall anwendbar.

Das Zauberwort heißt Achtsamkeit

Zeitmanagement als das Setzen von Prioritäten und Einteilung spielt dann zunächst eine untergeordnete Rolle. Können Sie während der Arbeit, mitten in Ihren Bewerbungsaktivitäten oder nach Präsentationen Ihre Füße oder Ihre Atmung spüren? Die meisten von uns können das nicht. Dabei liefert unser Körper die besten Signale für die Frage, wo wir innerlich stehen. Und das schon lange, ehe der Magen weh tut oder das Herz Alarm schlägt. Nur: Die Sprache unseres Körpers verstehen wir erst, wenn wir sie üben und gewohnt sind, die Botschaften zu akzeptieren. Erst wenn wir unser Tempo runterfahren und entschleunigen, merken wir, was mit uns los ist.

Eine kleine Achtsamkeitsübung:
Achten Sie bei Ihrem Weg zur Kaffeemaschine das nächste Mal über den ganzen Weg auf Ihre Fußsohlen, wie sie den Boden berühren. Und bleiben Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit dabei, während sie sich den Kaffee in die Tasse schütten. Tun Sie dies fokussiert und freundlich, nicht verbissen. Für Achtsamkeit gibt es keinen Leistungsnachweis.

Ein weiterer Aspekt des alltäglichen Tempos wird gerne einmal übersehen: Es gibt eine Kluft zwischen den wahrgenommenen Sachzwängen und den eigentlichen menschlichen Bedürfnissen und Werten. Wer stellt sich schon die Frage: „Worauf kommt es in meinem Leben wirklich an?“ Eine Alltagsfrage ist das in der Regel nicht. Jedenfalls nicht bis zum berühmten Schuss vor den Bug.

Zugegeben, hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Nur wer entschleunigt, also besonnen handelt, ist in der Lage, seine Bedürfnisse wahrzunehmen und ihnen Raum zu geben. Und nur entschleunigt sind wir in der Lage, uns ehrlich zu fragen, ob unser Handeln unseren Bedürfnissen und Werten entspricht.

Das Tempo ist entscheidend

Entschleunigung ist die erste Voraussetzung für eine Work Life Balance und für eine gute Resilienz, also die Bedingung für bessere Erholung, Stärkung und Entspannung. Und Intuition stellt sich dann übrigens auch leichter ein. In Coaching und Beratung ist Entschleunigen eine der zentralen Aufgaben. Nur zentriert und entschleunigt können Sie reflektieren, eine neue Haltung oder Perspektive einnehmen, die Richtung ändern und besonnene, effektive Entscheidungen fällen.

Entschleunigen führt für uns Menschen, für Unternehmen und unsere Gesellschaft nicht etwa dazu, weniger zu leisten – im Gegenteil: Entschleunigung bedeutet, einen inneren Ausgangspunkt zu finden, von dem aus Entscheidungen gefällt werden, und bedeutet beruflich wie privat mehr Lebensqualität. Nachhaltigkeit entsteht, wenn wir lernen, unser inneres Tempo in alltäglichen Situationen selber zu steuern, auf körperliche, psychische und zwischenmenschliche Signale zu hören, die Tempo und Beschleunigung anzeigen. Achtsamkeit beginnt bei uns – uns selbst und anderen gegenüber. Die Verantwortung dafür liegt bei jedem Einzelnen.

Wir brauchen darüber hinaus eine Kultur der Entschleunigung, also eine Kultur der Reflexion über wahre Bedürfnisse und Werte und deren Integration. Wir brauchen eine Kultur der Entschleunigung, die allen Beteiligten Raum und Zeit für einen achtsamen Umgang mit sich selbst und Anderen öffnet.

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