Narzissmus – die alltägliche Störung

Jennifer Julie Frotscher Allgemein, Coaching & Entwicklung, Führung & Persönlichkeit, Karriere & Erfolg, Top Topics Leave a Comment

Die aktuelle Gesellschaft ist von narzisstischen Tendenzen geprägt. Wer Erfolg haben will, braucht gewisse narzisstische Eigenschaften – hunderte Motivationsseminare, Zielfindungsworkshops und Karriereratgeber geben vor, wie es funktioniert, zur besten Version seiner selbst zu werden und sich in das Optimum zu trimmen. Wer auf Karriere verzichtet, wird direkt als Loser geoutet. Die zwanghafte Erfolgsorientierung in der Arbeitswelt fördert den Narzissmus, vor allem die Anforderungen an Führungskräfte gleichen Kriterien, die Narzissten ausmachen: übermäßig von selbst überzeugt zu sein.

Selbstverherrlichende Personen mit einem Bedarf an Einfluss und Macht werden häufiger Führungskräfte. Das wurde zumindest von der University of Illinois, der University of Nebraska und Hogan Assessment Systems in einer gemeinsamen Studie herausgefunden. Aber, während eine gesunde Dosis Selbstvertrauens notwendig ist, um sich für Spitzenjobs zu interessieren und das Bedürfnis zu entwickeln, eine große Gesellschaft zu steuern, kann zu viel davon ein Unternehmen in beträchtliche Schwierigkeiten bringen.

Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Personalpsychologie veröffentlicht und analysiert 54 frühere Studien zum Thema Narzissmus. Einige dieser Studien stützen sich auf Befragungen von Führungskräften. Diese wurden beispielsweise gefragt, ob sie sich mit folgenden Aussagen identifizieren können: „Wenn ich die Welt regierte, würde es ein viel besserer Ort sein“ oder „Ich glaube, ich bin ein besonderer Mensch.“ Andere Studien analysierten die Struktur der Korrespondenz von Chef’s. Darin wurde die Zahl der Selbstreferenzen ermittelt, also wie stark die eigene Person in den Vordergrund gestellt wird („ich, ich, ich“) oder die Größe der Photos dieser Führungskräfte.

Selbstzweifel ist sicherlich keine nützliche Eigenschaft für eine Führungskraft

Sich nicht durchsetzen können oder Schwierigkeiten haben, Entscheidungen zu treffen, ist auch nicht hilfreich, sagt Peter Harms, einer der Autoren der Studie und Management-Professor an der University of Nebraska-Lincoln. Rücksichtslose Entscheidungen zu treffen ist im Umkehrschluss aber mindestens genauso schlecht.
Im ersten Eindruck überzeugen Narzissten. Selbstbewusstsein ist zunächst eine Garantie dafür, von einer Gruppe als Anführer identifiziert zu werden. Nach einer Zeit kippt diese Situation allerdings, die Vorschusslorbeeren sind spätestens dann aufgebraucht, wenn die unangenehmen Seiten dieser Störung zutage treten. „Narzissten sind sehr gut, wenn sie Menschen zum ersten Mal treffen. Aber dieser Eindruck fällt schnell in sich zusammen“, sagt Peter Harms, „Man stellt schnell fest, dass sie nicht annähernd so toll oder klug sind wie sie sagen.“

Es fehlt die Konzentration auf das Wesentliche

Narzissten sind ununterbrochen mit sich selbst beschäftigt, darunter leidet die Arbeit. Sie überschätzen sich und gehen zu hohe Risiken ein, da sie das tatsächliche Ausmaß an Arbeit nicht einschätzen können. Das Interesse kreist dann eben doch eher um den eigenen Erfolg.

Der DSM-IV gibt vor, dass für eine Diagnosenstellung mindestens fünf der neun Punkte zutreffen müssen:

Neben Narzissmus gibt es in den Büro’s weitere „dunkle Züge“ wie Machiavellismus und Psychopathie, so Harms. Der Professor der Universität of Nebraska-Lincoln fand in einer Studie heraus, dass diese Persönlichkeitsbilder eher in den Unternehmen als auf der Strasse gefunden werden können. Auf den unteren Ebenen können diese Attribute auch sinnvoll sein – ein Schuss Psychopathie führt zu mutigen Handlungen, sagt Harms. Ein bisschen Machiavellismus unterstütze das politische Geschick – eine Idee gut verkaufen können oder sich nicht mit dem bereits erreichten zufrieden geben sind die eher maßvollen Varianten der ansonsten eher grausamen Geisteshaltung.

Menschen zu beeinflussen ist ein entscheidender Teil der effektiven Führung

Führungskräfte brauchen echtes Selbstvertrauen und eine Mentalität der positiven Gedanken. Wer weiss, dass er gut ist, wird aktiv sein und Entscheidungen treffen können. Aber Demut ist der Schlüssel zu richtigem Verhalten. Wenn ein Chef aufgrund seines aufgeblähten Egos außer Kontrolle gerät , werden die Mitarbeiter ihm nicht gern folgen.

Ausnahmen bestätigen die Regel: jemand wie der ehemalige Apple- Chef Steve Jobs war so intelligent und brillant, dass diese Regeln für ihn nicht wirklich galten.

Rodney Warrenfeltz, Managing Partner bei Hogan Assessments, verwendet einen Test, der beispielsweise folgende Aussage enthält: „Ich könnte dieses Land in die richtige Richtung bewegen“ als Beispiel. Im Ergebnis sind 70 bis 90 auf der 100 -Punkte-Skala ein Indiz für echte Zuversichtlichkeit. Alles darüber hinaus ist allerdings Arroganz oder ein überhöhter Anspruch. „Wenn etwas schief geht , geben sie anderen Menschen die Schuld“, sagt er Warrenfeltz von den Kandidaten, die an der Spitze der Skala punkten. “ Wenn alles gut läuft, liegt es selbstverständlich an ihnen selbst.“

Volle Punktzahl für den ersten Eindruck

Narzissten wirken auf den ersten Blick auf natürliche Weise dominant, charmant, selbstbewusst, engagiert und zuversichtlich, so dass eine Führungsrolle ganz selbstverständlich erscheint. Eine Langzeitstudie der Uni Münster fand heraus, dass Narzissten schneller Herzen erobern, aber schwieriger Freunde für’s Leben finden. Bei diesen Leuten würde einem irgendwann klar, dass man sie doch nicht so gern mag, wie man dachte. „Je stärker man narzisstisch ist, desto besser kommt man an“, sagte Prof. Mitja Back im dpa-Expertengespräch.
Die Forscher fanden heraus, dass Narzissmus bei der Entscheidung, wer in die Chefetage befördert wird und wer nicht, sehr hilfreich ist. Umgekehrt ist das Ergebnis aber der Frage, ob ein Chef seine Arbeit erfolgreich macht: hier versagten die Narzissten.

Ein bisschen Narzissmus steckt in jedem Menschen

Die alles entscheidende Frage ist nur, wie viel? Problematisch wird es dann, wenn selbst konstruktive Kritik als vorsätzliche und persönliche Beleidigung aufgefasst wird. Narzissten neigen dazu, ihren Selbstwert auf aggressive Weise zu verteidigen. Auch die ausschließliche Selbstdarstellung eines Narzissten und seine Unfähigkeit, zuzuhören und sich in Gesprächen emphatisch einzufühlen, stört in freundschaftlichen oder beruflichen Situationen. Narzissten können sehr gut erkennen, was andere Menschen fühlen, denken und beabsichtigen, sie zeigen jedoch wenig Mitgefühl oder Interesse. Eine Studie von der Charité mit „Patienten mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung zeigt eine Verminderung der grauen Substanz in einer für das Empfinden von Mitgefühl relevanten Region des Gehirns.“ „Unsere Daten zeigen, dass das Maß an Empathie direkt mit dem Volumen der grauen Hirnsubstanz des entsprechenden kortikalen Repräsentationsfeldes in der Inselregion korreliert und genau hier die Patienten mit Narzissmus ein Defizit aufweisen“, kommentiert Dr. Röpke die Ergebnisse.

Facebook, Twitter und Co fördern Narzissmus

Schon 2006 wurde in dieser Studie herausgefunden, dass junge Menschen noch nie so narzisstisch waren wie jetzt. Dazu beantworteten 6.000 College-Studenten zwischen 1982 und 2006 in den USA die Fragen des psychologischen Tests Narcissistic Personality Inventory. Narzissten erleben einen permanenten Druck, sich von Gruppen zu separieren und ihre Einzigartigkeit und Besonderheit zu zelebrieren. Finden sie keine Bewunderung, können sie sehr wütend werden – die notwendige und gesunde Frustationstoleranz ist nicht vorhanden. Der Fan-Button bei Facebook kann eindeutig als ein Symbol für die zunehmende Ausbreitung und Streuung des Narzissmus in die Gesellschaft verstanden werden. Andererseits relativiert die Tatsache, dass theoretisch jeder zumindest kurzfristig zum Star werden kann, dieses gesellschaftliche Phänomen. Es ist ist eben nicht ganz so einfach, die Massen hinter sich zu bringen – echte narzisstische Attribute wie Selbstverliebtheit, großes Ego und Geltungsbedürfnis sind Voraussetzung. Der Sinn dieser „Berühmtheitskultur“ ist unklar, unsympathisch, aufgeblasen und materialistisch sind sie – und trotzdem haben Narzissten Hochkonjunktur.

Formen des Narzissmus (nach Millon) – Anhand einer Serie

Narzissten in Beziehung

„In drei aktuellen Studien an der Ruhr-Universität Bochum geht es um klinisch unauffälligen “normalen” Narzissmus. Nach Angaben der Universität breitet sich die sogenannte narzisstische Persönlichkeitsstörung weltweit wie ein Virus aus.“

Selbstverliebtheit in Beziehung kann eine ausbeuterische Tendenz haben. Druck wird über den klassischen Faktor des Nehmen und Geben aufgebaut, der in Beziehungen immer eine Rolle spielt. Wenn einer der Partner der Meinung sei, für seinen Einsatz zu wenig zurückzubekommen, ist das ein Warnsignal, das auf eine narzisstische Tendenz schliessen lasse, so Bochumer Sozialpsychologen um Werner Bierhoff.

Bei rund 250 Studierenden, die in Beziehung lebten, wurde zunächst mit mit dem Narzisstischen Persönlichkeitsinventar (NPI) die individuelle Ausprägung des Narzissmus erfasst. Schließlich beurteilten die Paare jeweils die eigene Attraktivität und die des Partners. Gefragt war hier die Wahrnehmung der äußeren Erscheinung, Statusfragen wie Bildung und Einkommen oder auch die Anziehungskraft der Partner.

Bei jedem fünften der befragten Studierenden traten deutlich erhöhte Werte für Narzissmus auf. Dieses Ergebnis bestätigt eine US-amerikanische Studie, in der schon 1986 jeder siebente Studierende erhöhte Werte erreichte. Bis zum Abschluss der Untersuchung im Jahr 2006 stiegen diese Werte kontinuierlich an.

Die Bochumer Untersuchungen zeigen die Auswirkungen, die Narzissmus auf eine Partnerschaft hat: „Je narzisstischer die befragte Person, umso mehr überschätzt sie die eigene Attraktivität und damit zugleich die eigenen Beiträge zur Partnerschaft. Die verzerrte Selbstwahrnehmung äußert sich darin, dass Narzissten die Leistung des Partners geringer einschätzen als die eigene und kaum würdigen. Die narzisstische Person übt in der Beziehung ständig Druck auf ihren Partner aus.“

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