Angst essen Coach auf

Stephan Stockhausen Coaching & Entwicklung 1 Comment

Ein hart umkämpfter Markt führt selten zu Gelassenheit. Dabei bräuchten gerade Coaches innere Freiheit.

Szenen aus dem erlebten Netzwerkalltag

  • Bei einem Impulsvortrag für einen Kunden bei dessen Netzwerkveranstaltung sind es Coaches, die mit z. T. unpassenden Beiträgen und Fragen versuchen, mich aus dem Konzept zu bringen oder sich selbst in Pose zu setzen. Am Ende entschuldigt sich der Kunde bei mir, dass er nicht besser auf die Teilnehmerzusammensetzung geachtet hat.
  • Bei einer Moderation-/Seminarform für die hiesige IHK nutzen zwei andere Coaches die Kaffeepause, um diejenigen Teilnehmer „abzufangen“, die sich zuvor beteiligt haben – während man selbst gerade danebensteht und beginnt, miteinander ins Gespräch zu kommen. Auch hier entschuldigt sich der Veranstalter später für das Geschehen.
  • Bei einem Business-Speed-Dating prügeln manche Coaches verbal auf ihre Gegenüber ein, halten sich an keine Spielregel und versuchen, möglichst viele Anschlusstermine zu erzwingen. Kaum einer wundert sich, dass beim anschließenden Essen fast nur noch Coaches, aber kaum Interessierte sitzen – die scheinen längst geflüchtet.

Die Liste lässt sich fortsetzen. Neid und Missgunst scheinen die Szene zu prägen. Wo ist mein nächster Vorteil und wen muss ich wegboxen scheinen die Fragen zu sein, die sich Coaches täglich stellen müssen.

Arme Kollegenschaft! Angst ist selten ein guter Ratgeber

Wo es nur um den eigenen Vorteil geht, verliert nur einer – der Kunde. Er wendet sich angewidert von der Zunft ab oder er wird in falschen, zu langen, zu großen Prozessen gefangen gehalten. Aus Angst klammern sich Coaches an Kunden, ob das für den Kunden, den Prozess oder die Methode sinnvoll ist oder nicht. Selbstreflexion? Besser überlassen wir das den Kunden, denn mit dem Finger in dessen Wunde zu bohren ist ja leichter, als die eigenen zu bearbeiten.

Wer von Angst besetzt ist, sich wenig frei fühlen und bewegen kann, wird zudem Schonhaltung einnehmen. Davon profitiert kein Kunde. In der Komfortzone zu bleiben, in allem bestätigt zu werden und mit Watte beworfen zu werden, mag gut für‘s Ego sein, setzt aber kein Wachstum in Gang. Wertschätzendes Feedback, klar und emotional auf den Punkt gebracht sollte elementare Coachingleistung sein. Habe ich Angst, den Kunden zu verlieren, wenn ich mich was traue, bleibt der Prozess im Keim stecken.
Oder als Coach schone ich mich selbst, habe selbst keinen Mut, an die Themen im Schatten oder der Tiefe zu gehen, habe Angst, Gefühle wie Wut, Trauer, Hoffnungslosigkeit oder Methoden, die in die Tiefe führen, nicht handhaben zu können. Ich traue mir und damit auch dem Kunden dies nicht zu.

Sich trauen hat etwas mit Vertrauen zu tun

Wem vertraue ich eigentlich? Wie vertraue ich mir? Wer vertraut mir und warum? Damit kommt vielleicht schon etwas Licht ins Schattenfeld hinter einem… Dafür braucht es einen professionellen Rahmen. Viel wird über Qualifikation von Coaches gesprochen, noch zu wenig darüber, wie sehr Qualität mit der eigenen Selbstreflexion zusammenhängt. Dafür gibt es Supervision, Therapeuten oder Coaching (ja, das soll was bringen, liebe Coaches) oder kollegiale Beratung. Wer nur im eigenen Saft schmort, kann doch nicht ernsthaft anderen vermitteln, wie sinnvoll seine Dienstleistung ist.

Am Ende einer Ausbildung beginnt der eigentliche Weg zum Coach erst. Sich aufstellen, auf Verführungspunkte, Glaubenssätze, Antreiber zu schauen, Interaktion reflektieren, selbst-bewusster, echter, klarer werden – das ist ein Weg, der mit einer Coachingausbildung beginnen kann und im Beruf nie endet.

Liebe Kollegenschaft: Steht auf und geht!

P.S.: Vorsicht vor Allgemeinsätzen. Wie überall gibt es auch in unserem Markt Licht und Schatten. Über den Schatten habe ich geschrieben. Die Lichtgestalten interessieren mich – euch will ich kennenlernen!

Comments 1

  1. Dr. Axel Schweickhardt

    Werter Kollege,

    das sind unschöne Erfahrungen, die Sie dafür sehr anschaulich und schön beschrieben haben.

    Solch Verhalten ist in der Tat stillos und zeugt von wenig Übereinstimmung zwischen Theorie und Praxis bei dem ein oder anderen Kollegen. Ich bin aber nicht ganz so pessimistisch, was die Kunden angeht, denn ich glaube dass dieser merkt wen er vor sch hat. Not war noch nie hilfreich für Erfolg.Insofern wendet sich der Kunde hier sicherlich nur von den richtigen ab.

    Ich sehe das von Ihnen geschilderte Problem aber auch und zwar an der Stelle, an der der Kunde nicht den Vergleich hat. Derzeit scheint es eine große Mode zu sein, Coachings durchzuführen. Zunächst einmal ist das erfreulich, ist Coaching doch für viele Fragestellungen ein tolles Instrument. Aber eben nicht für alle, so ist eine häufige Frage für Coachings der Abgleich von Selbst- und Fremdbild. Können wir das wirklich in einem Coaching lösen? Oder überschätzen sich da die Coaches nicht? Das Fremdbild, das wir in den Coachings „serviert“ bekommen, ist nicht das, was im Arbeitsalltag zu sehen ist. Bei reflektieren Coachees stellt das ein kleineres Problem dar, aber das sind selten diejenigen, bei denen solche Fragestellungen aufkommen. Hier würde ich mir wünschen, dass viel mehr Kollegen Aufträge ablehnen oder andere, angemessene Angebote für solche Fragestellungen machen. Ansonsten wird das Instrument in Misskredit geraten, allein weil es für Themen angewendet wurde, für die es nicht geeignet ist.

    Ich möchte mich hier nicht als die von Ihnen gesuchte Lichtgestalt positionieren, aber ich lege wert auf Stil und daher wäre ein Kennenlernen durchaus interessant.

    Mit kollegialen Grüßen

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