Die Wahrheit über Stärken und Schwächen

Oliver Reindl Coaching & Entwicklung 3 Comments

Es existiert der Mythos über natürliche Stärken und Schwächen, die wir von Geburt an besitzen. Das ist nicht richtig! Niemand besitzt natürliche Stärken und Schwächen. Jeder von uns erzeugt seine Stärken und seine Schwächen selbst.
Eine Person besitzt natürliche Talente und Nicht-Talente, was aber etwas anderes ist als Stärken und Schwächen.

Wenn ein Mensch geboren wird, entwickelt sich in den ersten Lebensjahren das Gehirn mit einer Vielzahl von Gehirnzellen. Die Gehirnzellen vernetzen sich untereinander mit sogenannten „synaptischen Verbindungen“. Diese Verbindungen bilden sich im Wesentlichen in der Jugend und bleiben danach weitgehend konstant. Wobei ich nicht unterschlagen möchte, dass jüngste Forschungen belegen, dass sich unter bestimmten Bedingungen auch beim Erwachsenen neue synaptische Verbindungen bilden können.
In denjenigen Bereichen des Gehirns, welche stärker miteinander vernetzt sind, können die Gehirnzellen besser und schneller kommunizieren, als in denjenigen Bereichen des Gehirns, wo weniger synaptische Verbindungen ausgebildet sind. Die Bereiche mit starker Vernetzung bilden also unsere Talente. Tätigkeiten, welche von diesen Gehirnbereichen gesteuert werden, gehen uns von der Hand. Wir erreichen mit wenig Aufwand einen großen Erfolg.

Im Gegensatz dazu bilden diejenigen Bereiche mit geringerer Vernetzung der Gehirnzellen unsere Nicht-Talente. Tätigkeiten, welche von diesen Gehirnbereichen gesteuert werden, fallen uns schwerer und wir können mit viel Aufwand lediglich mittelmäßige Ergebnisse erzielen.

Stärken und Schwächen besitzen wir daher nicht natürlicherweise, sondern wir besitzen Talente und Nicht-Talente und wir sind selbst dafür verantwortlich, ob wir daraus Stärken oder Schwächen produzieren.

Anders gesagt, wir selbst haben die komplette Kontrolle über unsere Stärken und Schwächen. Wir werden geboren mit Talenten und Nicht-Talenten, aber es liegt in unserer Verantwortung zu entscheiden, ob die Talente oder Nicht-Talente zu unseren Stärken oder Schwächen werden. Wenn wir unseren Erfolg von unseren Talenten abhängig machen, so erzeugen wir Stärken; machen wir ihn von unseren Nicht-Talenten abhängig, so erzeugen wir Schwächen.

Wir haben es also selbst in der Hand, ob wir Stärken oder Schwächen besitzen. Wenn wir z.B. ein Nicht-Talent für „strategisches Denken“ besitzen und zulassen, dass unser Erfolg davon abhängt komplexe Systeme zu bauen, oder langfristige Pläne erstellen, so produzieren wir eine Schwäche. Wenn unser Erfolg dieses „strategische Denken“ nicht voraussetzt, erzeugen wir auch keine Schwäche. Dieses Nicht-Talent bleibt lediglich eine potentielle Schwäche.

Wenn wir diesen Perspekivenwechsel vollzogen haben und feststellen, dass unsere Schwächen nur dehalb existieren, weil wir sie selbst kreiert haben, dann können wir dies korriegieren, indem wir die Abhängigkeiten entfernen.
Nun sollte man das nicht dadurch versuchen ein Nicht-Talent in ein Talent umzuwandeln. Das ist nämlich nicht so einfach möglich. Wir müssen einfach nur die Abhängigkeit unseres Erfolges von den Nicht-Talenten auflösen.

Stellen wir uns unsere Talente und Nicht-Talente wie zwei Schachteln vor. Die eine Schachtel erhält ein Geschenk (die Talente). Die andere Schachtel enthält Probleme (Nicht-Talente) und ist die persönliche Büchse der Pandora. Unabhängig vom Inhalt enthält jede Schachtel ein gewisses Potenzial. Das Potenzial der ersten Schachtel ist gut, das der anderen Schachtel schlecht. Solange wir die Schachteln nicht öffnen passiert nichts.

Wenn wir niemals den Geschenkkarton öffnen, werden wir niemals dessen Geschenke erhalten. Öffnen wir nicht die Büchse der Pandora, so werden wir niemals unter deren Konsequenzen leiden. Mit Talenten und Nicht-Talenten verhält es sich ähnlich. Wenn wir niemals unsere Talente einsetzen, werden wir niemals die Stärken produzieren zu denen wir fähig wären – und wenn wir uns niemals von unseren Nicht-Talenten abhängig machen, werden wir niemals unsere potenziellen Schwächen real werden lassen.

Nutzen Sie Ihre Talente und Sie werden erfolgreich sein und gesund bleiben!

Ihr
Oliver Reindl

Comments 3

  1. Dr. Axel Schweickhardt

    Werter Kollege,

    Sie bewegen sich hier sehr weit in das Feld der Psychologie und dabei übersehen Sie offensichtlich grundlegende Erkenntnisse dieser Wissenschaft.

    Ich möchte ein kleines Beispiel machen:
    Intelligenz ist zu weiten Teilen angeboren. Ein niedriger IQ stellt sicherlich eine Schwäche dar. Sicherlich haben Sie recht und diese Schwäche allein ist – im Einzelfall, statistisch sehr wohl – noch nicht aussagekräftig in Bezug auf Erfolg und erst recht nicht in Bezug auf Glück und Zufriedenheit. Denn zum guten Glück können wir Schwächen durch Stärken in anderen Feldern ausgleichen oder wir suchen uns Anforderungen, bei denen die jeweiligen Schwächen nicht ins Gewicht fallen.

    Von mir aus können wir auch statt Schwäche den Begriff nicht-Talent verwenden, wobei sich dann die Frage stellt was ist so ein nicht-Talent, außer dass es fehlendes Talent ist? Die von Ihnen postulierte These, dass wir die komplette Kontrolle haben widerspricht sehr deutlich den psychologischen, neurologischen und gesellschaftlichen Grundlagen. Es ist richtig, dass vieles veränderbar ist, es ist auch richtig, dass wir Schwächen ausgleichen können, aber das alles hat Grenzen. Spätestens mit der Schulpflicht wird das „Nicht-Talent“ Intelligenz abgerufen und es werden Schwächen produziert. Für eine verantwortungsbewusste Personaldiagnostik sollten wir das bedenken und den Menschen nicht vorgaukeln alles ist allein eine Frage des Willens. In Bezug auf Zufriedenheit haben Sie sogar noch recht, denn man kann auch lernen mit Schwächen und deren Konsequenzen umzugehen. Nicht jedes Leiden lässt sich aber vermeiden, zum guten Glück, denn Persönlichkeit wächst in Krisen. Wir brauchen also sogar die Schwächen für unsere Persönlichkeitsentwicklung.

    Eine zweite These von Ihnen ist ebenfalls viel zu einfach. Eine Lese- und Rechtschreibschwäche kann natürlich dadurch ausgeglichen werden, dass die betroffenen Kinder üben, üben, üben. Hier wird wohl niemals eine Stärke daraus erwachsen, aber die Schwäche kann soweit korrigiert werden, dass sie nicht mehr im Weg steht, in Bezug auf beruflichen Erfolg. Wir sollten also auch an dieser Stelle differenziert über die Dinge denken. Der Mensch ist komplex und lebt in einer komplexen Welt. Mit einfachen Glaubenssätzen kann man vielleicht Geld verdienen aber nicht dem Menschen gerecht werden. Wenn Sie also wirklich Wahrheit suchen, lesen Sie Fachbücher – am Ende werden Sie nicht mehr so titeln wie für diesen Beitrag.

    Aber vielleicht sollten wir Erfolg einfach so definieren, dass etwas „erfolgt“, dann ist Erfolg so oder so unvermeidbar und Ihre „Wahrheit über Stärken und Schwächen“ hat Erfolg, Sie haben zumindest einen Leser, der sich mit Ihren Thesen auseinander gesetzt hat.

    Beste Grüße

  2. Post
    Author
    Oliver Reindl

    Lieber Herr Dr. Schweickhardt,

    natürlich freue ich mich, wenn sich jemand mit dem Thema beschäftig. Daher vielen Dank für Ihren Kommentar.
    Wir befinden uns hier in der Kategorie „Coaching und Entwicklung“ und genau so sollte mein Beitrag auch verstanden werden.
    Es geht hier nicht um pathologische, bzw. krankhafte Fälle, bei denen ein Coaching ohnehin fehl am Platze wäre. sondern um die Nutzung der eigenen Potenziale, um erfolgreich zu sein bzw. zu werden. Dazu ist es allerdings erforderlich, dass die Menschen ihre Talente und Nicht-Talente kennen. Und dies kann ein Coach mit geeigneter Diagnostik unterstützen. Eine Opferhaltung, wie sie vielleicht von einigen „Beratern“ impliziert wird, ist dabei nicht zuträglich, sondern das aktive Nutzen der eigenen Talente, um mit wenig Aufwand größtmöglichen Erfolg zu erzielen.
    Es ist durch Studien belegt, dass dies die Vorgehensweise erfolgreicher Menschen im Beruf ist.
    Die Heilung pathologischer Fälle ist natürlich den Ärzten und Psychologen vorbehalten, wie es in seriösen Coaching-Ausbildungen und in unseren Trainings auch kommuniziert wird. In diesem Bereich sind ganz andere Methoden und Diagnostiken einzusetzen, als beim Business-Coaching.

    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine frohe Weihnachtszeit und einen guten Start ins Jahr 2014

    Ihr

    Oliver Reindl

  3. Dr. Axel Schweickhardt

    Sehr geehrter Herr Reindl,

    wir sind in vielen Punkten beieinander. Um einige davon zu benennen:
    – die Gestalterrolle ist wichtig und hilfreich.
    – Persönlichkeitsdiagnostik kann – abhängig vom Instrument – ein sehr gutes Hilfsmittel sein, wir setzen dieses in unserer Arbeit auch in Kombination mit Coaching ein; siehe auch: http://potenziale.de/training/show/standort
    – Coaching ist nicht Psychotherapie

    In einigen Punkten möchte ich aber nach wie vor korrigieren:
    – Auch für Coachings im Bereich Persönlichkeitsentwicklung ist eine fundierte psychologische Basis notwendig, insbesondere, wenn Diagnostik betrieben wird.
    – Wer gestaltend die eigene Persönlichkeit weiterentwickeln will, der sollte wissen wo Spielräume sind und wo Temperament und tiefgreifende Persönlichkeitsstrukturen nur sehr langfristig und geringfügig zu verändern sind.
    – Persönlichkeitsfaktoren können in unterschiedlichen Kontexten förderlich oder hinderlich wirken. Die Kontexte sind dabei nicht immer frei wählbar. Für bestimmte Situationen lohnt sich daher die Arbeit an Schwächen. Genauso hilfreich ist es für andere Kontexte, die Stärken weiter auszuprägen.

    Durch meine Reaktion oben wollte ich vor allem auf zwei Dinge aufmerksam machen:
    Wahrheit ist ein ganz schwieriger Begriff im Zusammenhang mit Persönlichkeit und selbst die beste Diagnostik kann nur Hinweise liefern, deren Interpretation psychologische Expertise erfordert. Psychologen werden Sie aber selten von Wahrheit sprechen hören.
    Ich wollte auch darauf aufmerksam machen, dass ein Satz wie: „Wir haben die komplette Kontrolle über unsere Stärken und Schwächen“ so nicht haltbar ist. Er stellt vielmehr ein Heilsversprechen dar, dass Sie nicht werden einhalten können. Ich bin dafür, den Menschen, die bei uns Unterstützung suchen nicht mehr zu versprechen als wir auch halten können.

    Mit freundlichen Grüßen

    Axel Schweickhardt

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