„Schnelles Denken, Langsames Denken“

Felix Wiesner Forschung & Psychologie, Rezensionen 1 Comment

2002 erhielt Daniel Kahnemann den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Das ist an sich schon eine ungewöhnliche Auszeichnung für einen Psychologen. Im Kern geht es darum, dass der Mensch aus seinem Erfahrungshintergrund, seinem kulturellem Hintergrund und vor dem Hintergrund seiner Erkenntnisziele keine objektiven Sichtweisen und Beurteilungen entwickeln kann. Immer sind es bestimmte Ausschnitte der Realität, die wahrgenommen werden und je weniger Informationen vorliegen, desto geringer das Defizitgefühle, wenn man dann auf der Basis von wenigen Informationen zu einem Entschluss kommen muss. „Vernunft“ ist nach der Lektüre des Buches ein Wort, das einem im Hals steckenbleiben kann. Was ist das eigentlich – „Vernunft“?

SYSTEM 1 nennt Kahneman dieses schnelle System, das uns allen pausenlos hilft, eine Situation oder einen Umstand zu beurteilen und das für uns die meisten Entscheidungen trifft. System-1-denken können wir uns wie unseren Autopiloten vorstellen, der uns sicher durch die Standardsituationen geleitet.

SYSTEM 2 ist nach Kahneman unsere Denkmaschine, die dann anspringt, wenn wir mit den Ergebnissen von SYSTEM 1 nicht weiterkommen. Wir können z.B. leicht und intuitiv erkennen, dass vor uns ein Kartenspiel liegt und dass der Herz Bube oben drauf liegt – wir „wissen“ dann, dass es ein deutsches Kartenspiel ist. Wir wissen aber nicht, wie viele Karten drin sind, oder ob sich vielleicht nur Herz-Buben darin befinden.

SYSTEM 1 ist intuitives Denken, suggeriert und stattet uns mit einer Meinung aus. Unser System 1 weiß aber nicht, was 47×23 ist oder ob 52 oder 58 Karten in dem Kartenstapel sind. Sollte das wichtig werden, wird SYSTEM 2 ‚gebeten‘, das Problem zu lösen.

Daniel Kahneman’s Buch erklärt wunderbar anschaulich die Mechanismen, die zu bestimmten Entscheidungen und Urteilen führen. Er zeigt sehr deutlich die Grenzen unserer Wahrnehmung und Urteilsfähigkeit und führt uns die Fallen vor, in die wir alle immer wieder hineintappen und „hineingetappt werden“. Alle unsere Sinne machen da mit und unsere Intuition findet das gut.

Jemand, der später in einen Entscheidungsfindungsprozess kommt, oder der die Informationen in einer anderen Reihenfolge verarbeitet, würde ebenso intuitiv zu einer anderen Entscheidung kommen. Er zeigt, welch unglaubliche Wirkung unterschiedliche Worte in der Beschreibung der Entscheidungsalternativen auf die Entscheidung haben. Er zeigt, welchen großen aber für alle Beteiligten verborgenen Einfluss die „zukünftig absehbaren Erinnerungen“ an einen Vorgang haben können. Mit simplen Beispielen führt er uns vor, welche Wirkung das auf unser eigenes Urteilsvermögen und potenziell auf das Urteilsvermögen von Managern hat.

Das ist ein außerordentlich spannendes Thema, zeigt es uns doch, warum wir über „Nichtigkeiten“ streiten, warum wir in den Unternehmen viel mehr über das sprechen müssen, was die beteiligten Mitarbeiter wahrnehmen und als Information verarbeiten.
Wer sich mit Coaching, der sozialen Interaktion von Gruppen, oder der von Kahneman m.E. als absurd entlarvten Typologie von Menschen beschäftigt, muss sich mit diesem Buch auseinandersetzen. Es ist für alle eine Pflichtlektüre, die Einfluss nehmen wollen und mit Menschen in Veränderungsprozessen zu tun haben.

Es ist ein Buch, das Perspektiven verschiebt. Für mich ist es eines der wertvollsten Bücher, die ich je gelesen habe und empfehle es uneingeschränkt allen Personalexperten. Es ist auch eine sehr gute und wichtige Ergänzung für jede NLP Ausbildung. Das Buch enthält aber andererseits keine sensationell neuen Erkenntnisse – alles haben wir schon mal irgendwie gehört oder erlebt. Das ist kein Wunder, denn Kahneman schreibt ja auch über dich und mich.

Zum Einstieg:
Seine Vorlesung im Rahmen der Vergabezeremonie 2002 ist ein Schnelldurchgang, der das Lesevergnügen aber keinesfalls ersetzt.
Weiterhin empfehle ich seinen Vortrag auf dem TED vom Februar 2010.

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Autor: Daniel Kahneman
ISBN: 3886808866
Erschienen: 05/2012

Comments 1

  1. Peter Finckler

    Hallo Herr Wiesner!

    Excellente Rezension! Ich habe dieses Buch auch gelesen. Es war nicht leicht aber es hat sich gelohnt. Ihre Empfehlung für die Community kann ich unterstützen.

    Weiter so

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