Vier Säulen wegweisender Führung – von den Mönchen lernen!

Tobias Wiegelmann Führung & Persönlichkeit Leave a Comment

Beitrag zur Blogparade „Nachhaltigkeit in der Führung“ auf dem Leistungsträger-Blog von Gudrun Happich

Nachhaltigkeit ist einer der am stärksten boomenden Begriffe der postmodernen Gesellschaft. Aber er gehört meines Erachtens auch zu den Begriffen, die zunehmend inflationär gebraucht werden. In seiner Wortbedeutung von „andauern, wirken“ abgeleitet, verweist er eigentlich zurück in die Vergangenheit. Ob etwas, z.B. ein Führungskonzept, „nachhaltig“ ist, lässt sich ehrlich und sicher erst im Rückblick sagen. Sicherlich lassen sich Szenarien entwerfen, wie etwas wirken könnte, wenn alle Faktoren eintreffen wie erwartet, aber vielmehr als Glaskugel lesen kommt dabei selten heraus.

Wenn aber der Blick in die Zukunft uns nicht sagen kann, was Nachhaltigkeit bedeutet, dann lohnt umso mehr der Blick zurück. Auf der Suche nach einem nachhaltigen Führungskonzept geht mein Blick sogar recht weit zurück, an die Schwelle von Antike und Neuzeit, zu einem Führungskonzept, das sich seitdem bewährt – dem Führungsideal der Benediktsregel. Ob dieses Konzept nachhaltig ist? Nun, zumindest dauert es seit 1500 Jahren an und hat eine weltumspannende Wirksamkeit erreicht. Diese zwei Beobachtungen sollten zunächst genügen, um einen nähern Blick zu wagen. Dieser Beitrag ist ein Versuch, das Führungsverständnis des Hl. Benedikts auf vier Säulen aufzugliedern, die sich in der heutigen Welt wiederfinden und umsetzen lassen, ohne dabei zugleich den spirituellen Hintergrund Benedikts kennen zu müssen. Dass auch der lohnt, sich darauf einzulassen, sei hier nur am Rande erwähnt.

Identität
Die wichtigste Eigenschaft und somit Grundlage jeglicher Führungsaktivitäten ist die Identität. Wie definiert sich die Führungskraft und inwiefern identifiziert sie sich mit Ihrer Rolle? Kurz: die Persönlichkeit der Führenden ist entscheidend. Als unverzichtbar für Benedikt gilt das Selbstverständnis als Dienender, vgl. „Der Eigenart vieler zu dienen“. „Der Abt, der würdig ist, einem Kloster vorzustehen, muss immer bedenken, wie man ihn anredet, und er verwirkliche durch sein Tun, was diese Anrede für einen Oberen bedeutet.“ (RB 2,1) Abt kommt vom lateinischen „abba“, was „Vater bedeutet. Damit ist weniger ein biologisches Faktum gemeint, als mehr eine geistige Vaterschaft im Sinne eines Mentors. Deshalb heißt es weiter „Wer also den Namen „Abt“ annimmt, muss seinen Jüngern in zweifacher Weise als Lehrer vorstehen. Er macht alles Gute und Heilige mehr durch sein Leben als durch sein Reden sichtbar.“ (RB 2,11f.) Es geht um eine Vorbildfunktion. Jeder Führungskraft muss klar sein, dass das, was Sie von den Mitarbeitenden erwartet zuerst von Ihr zu leisten ist.

Transparenz
Im Kapitel 58 seiner Regel beschreibt der Hl. Benedikt die Ordnung bei der Aufnahme neuer Brüder. Jeder, der neu in ein Kloster kommt, soll von vornherein wissen, was ihn erwartet: „Offen rede man mit ihm über alles Harte und Schwere auf dem Weg zu Gott. Wenn er verspricht, beharrlich bei seiner Beständigkeit zu bleiben, lese man ihm nach Ablauf von zwei Monaten diese Regel von Anfang bis Ende vor und sage ihm: Siehe das Gesetz, unter dem du dienen willst; wenn du es beobachten kannst, tritt ein, wenn du es aber nicht kannst, geh in Freiheit fort“ (RB 58,8ff.) Interessant ist, dass hier der Begriff „Freiheit“ auftaucht. Jedes „Ja“ einer Entscheidung wiegt nur so viel, wie die Möglichkeit, „Nein“ sagen zu können. Die Neulinge im Kloster müssen wissen, woran Sie sind, damit sie in Freiheit Ihr Leben gestalten können.
Wissen unsere Mitarbeiter immer, was wir von Ihnen erwarten? Es gibt Stellenbeschreibungen, Vereinbarungen, Verhaltenskodizes. Aber sind diese Vereinbarungen wirklich präsent? Jeden Tag lesen die Mönche und Nonnen benediktinischer Klöster einen Abschnitt aus Ihrer Regel – bis heute. Im Verlauf eines Jahres wird so die immerhin 73 Kapitel umfassende Schrift dreimal vollständig wiederholt. Auf diese Weise werden die Hintergründe des „Betriebsablaufs“ Kloster präsent gehalten. Entscheidungen werden nachvollziehbar, da Sie eine Grundlage haben, die jedem bekannt ist.

Konsequenz
…ist dann die logische Folge transparenter Führung. Wenn es eine verbindliche Grundlage gibt, die allen Mitarbeitenden präsent ist, ein Verstoß dagegen aber keine Folgen hat, schwindet die Verbindlichkeit. „Es kommt vor, dass ein Bruder trotzig oder ungehorsam oder hochmütig ist oder dass er murrt und in einer Sache gegen die Heilige Regel und die Weisungen seiner Vorgesetzten handelt. Wenn er sich so als Verächter erweist, werde er nach der Weisung unseres Herrn einmal und ein zweites Mal im geheimen von seinen Vorgesetzten ermahnt.“ (RB 23) Es kommt vor! Und es muss Konsequenzen haben. Wichtig ist hier, zu beachten, dass Transparenz und Konsequenz zwei Seiten der gleichen Medaille sind. Wenn ich als Führungskraft nicht transparent bin, dann kann ich nicht erwarten, dass meine Anweisungen verstanden werden. Ein Mitarbeiter wird aber nur die Anweisungen umsetzen, mit denen er sich einverstanden erklärt, wenn er es aus freien Stücken und nicht unter Zwang tun soll. Handle ich transparent, bin aber nicht konsequent, dann wird meine Haltung nicht als allgemein verbindliche Haltung angesehen werden. Eine gewisse Nähe zu Kants kategorischem Imperativ lässt sich nicht verhehlen.

Das rechte Maß
Damit das zuvor Gesagte wirklich Frucht trägt, hat Benedikt in seiner Regel ein unverzichtbares Korrektiv eingefügt – die discretio, zu Deutsch: das rechte Maß. „In seinen Befehlen sei er vorausschauend und besonnen. Bei geistlichen wie bei weltlichen Aufträgen unterscheide er genau und halte Maß.“ (RB 64, 16) Wir kennen im heutigen Sprachgebrauch das Wort Diskretion, was mit Verschwiegenheit gleichzusetzen ist. Ursprünglich bedeutet discremere unterscheiden. Es gibt bei allen Entscheidungen eine Gefahr des „zu viel“ und „zu wenig“. Beides gilt es zu meiden. Benedikt nennt die discretio die Mutter aller Tugenden. „So halte er in allem Maß, damit die Starken finden, wonach sie verlangen, und die Schwachen nicht davonlaufen.“ (RB 64, 18). Im Sprachgebrauch der Führungskräfte heißt das: Leistungsträger motivieren, schwache Mitarbeiter unterstützen. Die Messlatte der Führungskraft sollte die Maßeinheit des Mitarbeiters tragen!

Identität, Transparenz, Konsequenz und das rechte Maß: auf diese vier Säulen gründet der Heilige Benedikt sein Konzept der Menschenführung. (Die einzelnen Säulen können hier nur kurz angerissen werden. Eine vertiefende Beschäftigung lohnt sich und wird an dieser Stelle nachgeholt werden!)
Seit über 1500 Jahren müssen sich die Oberen benediktinischer Klöster an diesen Größen messen lassen. Das Konzept ist nicht anspruchslos, legt es doch deutlich vor Augen, wie groß die Verantwortung der Führenden ist. Zur Verantwortung gezogen werden in unserer Arbeitswelt indes meistens die Mitarbeiter. Nicht selten sind sie es, die die Fehler der Führungskräfte mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes bezahlen. Ein erster und wirksamer Schritt in Richtung nachhaltiger Führung wäre im Sinne Benedikts: Verantwortung übernehmen und Vorbild sein. Dann wird Führung wegweisend und hat großes Potenzial, sich im Rückblick als nachhaltig zu erweisen.

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