Wie Gesundheit in Unternehmen entsteht

Katrin Hundhausen Coaching & Entwicklung, Führung & Persönlichkeit, Gesundheits- & Stressmanagement Leave a Comment

O-Ton von drei Personalmanagern großer Hamburger Unternehmen im März 2012:
„Rückenschule, Grippeimpfung, neue Stühle und ein Betriebssportprogramm… Wir machen ja schon viel, aber ich frage mich, ob es das schon ist.“
„Wir hatten auch drei oder vier Burnout-Fälle. Das macht uns Sorge und wir fühlen uns in der Verantwortung. Aber was ist denn das richtige zu tun?“
„Irgendwie habe ich das Gefühl, wir müßten mehr für die Gesundheit tun. Wir sind noch ganz am Anfang und trauen uns an das Thema auch noch nicht so richtig ran.“

Gesundheitsmanagement wird in den Unternehmen ein immer dringlicheres Thema, oftmals ausgelöst durch Burnout-Fälle oder das Gefühl einer wachsenden Stressbelastung bei den Mitarbeitern. Einher mit der Dringlichkeit geht aber oft auch Ratlosigkeit, wie man gesundes Arbeiten im Unternehmen fördern kann und welches die passende Strategie ist.

Traditionelles Gesundheitsmanagement
Oft wird mit Gesundheitsmanagement ein gesundheitsförderliches Umfeldes verbunden, also
– ein ergonomisch gestalteter Arbeitsplatz und eine „gesunde“ Kantine,
– Sportmöglichkeiten, Informationen zu Gesundheit und Vorsorgeangebote sowie
– Möglichkeiten, seine Arbeitsbedingungen besser dem privaten Leben anzupassen, also zum Beispiel durch flexible Arbeitszeit, Home Office, eine Betriebskita oder Elternzeitmodelle.

Diese Maßnahmen sind wichtig, denn sie wirken in relativ kurzer Zeit und können das Thema Gesundheit auf positive Weise etablieren. Doch mit ihnen ist nur der Anfang zu gesundem Arbeiten gemacht, denn sie tragen dazu bei, die Stressbelastungen auszugleichen – „kurieren“ also die „Krankheit Stress“.

Salutogenese ist Gesundheitsmanagement 2.0
An dieser Stelle hilft Salutogenese weiter. Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky erforschte in den 70er Jahren die Frage, welche Faktoren Menschen langfristig psychisch und physisch gesund halten. Nebenbei bemerkt übernahm die Weltgesundheitsorganisation Antonowskys Ansatz bei ihrer Definition von Gesundheit als „einen Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur des Fehlens von Krankheit oder Gebrechen.“ Zentraler Treiber für diesen Gesundheitsbegriff ist nach Antonovsky das Kohärenzgefühl, das man als Grundvertrauen und Eingebundensein in einer als sinnvoll erlebten Welt verstehen kann.

Anselm Grün beschreibt für mich das Kohärenzgefühl am eindrücklichsten: „ … , daß alles zusammengehört und zusammenhängt. Das gilt nicht nur für die äußere Welt, sondern auch für die innere Welt der Seele. Alles, was ich in mir entdecke, darf sein. Alles hat einen Sinn. Ich kann es verstehen, und ich kann es gestalten und formen. Und ich entdecke in allem, was mir in meiner Seele begegnet oder was mir in der Außenwelt entgegen kommt, eine Herausforderung, an der ich wachsen kann. Ich fühle mich weder durch meine eigene Psyche, noch durch meine Außenwelt überfordert. Im Gegenteil, ich habe Lust, daran zu wachsen, an mir und meiner Welt zu arbeiten und mich (…) zu engagieren.“

Hehre Worte, die wohltun, aber den Skeptiker in uns auf den Plan rufen. Das klingt eher nach Utopia, aber bestimmt nicht nach Arbeitsalltag in Deutschland 2012. Formuliert man Kohärenzgefühl ganz pragmatisch als Gefühl der Verstehbarkeit, Machbarkeit und Sinnhaftigkeit, dann wird es greifbarer.

„Ich verstehe. Ich kann. Ich will.“
Damit ein Mitarbeiter sagen kann „Ich verstehe“, muß die Arbeit überschaubar und erklärbar sein. Ansätze, um dafür die Voraussetzungen zu schaffen, sind
– eine klare, einfache und ehrliche Informationspolitik,
– reelle Zielvereinbarungen und Aufgaben sowie ihre Einbindung in die Team- und Unternehmensziele
– Transparenz über das Geschehen am Arbeitsplatz, im Team, im Unternehmen und im Markt.

Damit ein Mitarbeiter sagt „Ich kann“, muß er sich als selbstwirksam erleben und Vertrauen in seine Kompetenzen und Ressourcen haben. Dafür kann ein Unternehmen an folgenden Punkten arbeiten:
– Schaffung guter, sinnvoller Arbeitsprozesse
– Bereitstellung angemessener Ressourcen (Fähigkeiten, Zeit, Geld, Mitarbeiter)
– Öffnen eines angemessenen Gestaltungs- und Entscheidungsfreiraums
– Förderung eines kollegialen Miteinanders und gegenseitiger Unterstützung.

Damit ein Mitarbeiter sagen kann „Ich will“, muß seine Arbeit für ihn Sinn machen und er muß Lust haben, sich in der Arbeit zu engagieren und zu gestalten. Ansatzpunkte für Unternehmen, die Sinnhaftigkeit zu unterstützen, sind
– Relevante und glaubwürdige Unternehmenspositionierungen und Wertesysteme
– wiederum das Öffnen von Gestaltungsfreiraum.

Partnerschaftliche Verantwortung
Es wird klar, daß die Arbeit für das Kohärenzgefühl langfristig angelegt ist und von Unternehmen, Vorgesetzten und Mitarbeitern Ehrlichkeit und Verantwortung verlangt. Während die Unternehmen die Verantwortung für eine gesundheitsförderliche Kultur tragen, liegt bei den Mitarbeitern die Selbstverantwortung für ihre Leistungsfähigkeit, also Proaktivität, angemessenes Fordern, lebenslanges Lernen, kollegiales Verhalten und auch Gesundheitsbewußtsein.

Als Beispiel für das Bekenntnis zu dieser partnerschaftlichen Verantwortung möchte ich die Unternehmen des europäischen Netzwerkes Enterprise for Health, gegründet von der Bertelsmann Stiftung und der BKK, zitieren. Sie „sind überzeugt, dass betriebliche Gesundheitspolitik und partnerschaftliche Unternehmenskultur zu den Voraussetzungen für längerfristigen wirtschaftlichen Erfolg gehören und räumen einer gesundheitsgerechten Gestaltung der Arbeitswelt eine hohe Priorität in der Unternehmenspolitik ein.“

Gesundheitsmanagement rechnet sich.
Zur Wirtschaftlichkeit schreibt das Netzwerk: „Die EfH-Mitgliedsunternehmen bestätigen die zunehmenden Anzeichen, daß jene Unternehmensstrategien und Managementpraktiken, die partnerschaftliches Verhalten am Arbeitsplatz und gesunde Belegschaften stärken, in der Tat signifikante Kosteneinsparungen erzielen und sogar zu einer positiven Kapitalrendite führen.“ Die aktuelle Gallup-Studie belegt, daß Arbeitsgruppen mit hoher emotionaler Bindung eine höhere Produktivität und Rentabilität haben.

Diese hohe emotionale Bindung gründet sich auf ihrem Kohärenzgefühl: so scoren sie in ihren Einschätzungen über ihre Arbeit, die sich vor allem unter Machbarkeit und Sinnhaftigkeit subsumieren lassen, mehr als doppelt so hoch wie der Rest.
Deshalb: „Ich verstehe. Ich kann. Ich will.“ ist ein langfristiger und nicht ganz einfacher Weg – seine Resultate in Gesundheit, Motivation und Rentabilität aber klar belegt.

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