Burnout – (k)eine eigenständige Krankheit

andreaschnieber Coaching & Entwicklung, Gesundheits- & Stressmanagement Leave a Comment

Stellungnahme zum Positionspapier der DGPPN zur Versachlichung der Burnout-Diskussion

Mit dem Anfang März herausgegebenen Papier hat die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) einen wertvollen Beitrag zur Analyse und Bewertung des aktuellen Gesellschaftsphänomens Burn-Out geliefert (www.dgppn.de). Die Lektüre sei jedem, der sich mit Burnout beschäftigt, wärmstens empfohlen.

Allerdings halte ich es für sehr bedauerlich, dass die DGPPN sich nicht dazu durchringen konnte, die Etablierung eines eigenständigen Diagnose-Schlüssels im hierzulande gültigen Klassifikationssystem ICD zu empfehlen. Aus folgenden Gründen:

1. Wie auch im Papier der DGPPN dargelegt, haben Burn-Out-Betroffene, soweit keine andere Erkrankung aus der ICD-Klassifikation vorliegt, derzeit keinen Anspruch auf eine kassenfinanzierte Psychotherapie. Dabei kann es gerade bei der Bewältigung einer Burn-Out-Problematik um die Notwendigkeit tiefgreifender Veränderungen in der eigenen Identitätsdefinition gehen. Dies zählt zu den klassischen Aufgaben der Psychotherapie und sollte nur von psychotherapeutischem Fachpersonal behandelt werden.

2. Ein Burnout bedarf einer spezifischen Behandlung! Vorgehensweisen wie bei einer Depression können geradezu kontraindiziert sein, wie folgende Beispiele zeigen: Eine intensive Miteinbeziehung der Arbeitsplatzsituation, wie von der DGPPN gefordert, ist z.B. nicht klassischer Bestandteil einer Depressionstherapie, bei Burnout aber unverzichtbar. Ebenso können oftmals eingesetzte Antidepressiva die Symptomatik des Burnout noch verschlimmern, wie erste Forschungsarbeiten nahe legen (Robert Paul Juster et al., www.praxis-dr-shaw.de)

3. Im Papier der DGPPN wird ausführlich dargestellt, dass Burnout ein Phänomen veränderter gesellschaftlicher Bedingungen ist. Dieses Phänomen verschlingt im Gesundheitswesen und in der Wirtschaft über 6 Milliarden Euro (laut einer Studie der Betriebskrankenkassen von 2009). Umso wichtiger erscheint es mir, dass diesem Phänomen mit der Vergabe einer eigenen Diagnose-Nummer die Bedeutung gegeben wird, die es verdient. Denn nur wenn „Burnout“ als eine eigene Diagnoseziffer in den Statistiken der Krankenkassen explizit auftaucht, gibt es einen (wirtschaftlich) relevanten Grund, diese gesellschaftlichen Bedingungen unter die Lupe zu nehmen.
Sicherlich ist ein eigener ICD-Schlüssel zum jetzigen Zeitpunkt nicht machbar und auch nicht sinnvoll, denn dazu bräuchte es eine einheitliche Definition des Phänomens, eine hohe Anzahl darauf basierender wissenschaftlicher Studien und aussagekräftige Testverfahren. Nichts davon existiert bislang.

Mein Plädoyer lautet also: Unermüdliche Weiterarbeit an der Definition, Testentwicklung und an spezifischen, evidenzbasierten Therapieformen

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