Was bewegt Führungskräfte wirklich?

Gudrun Happich Forschung & Psychologie Leave a Comment

Seit fast 25 Jahren beschäftige ich mich damit, was Menschen in Führungspositionen umtreibt. Was sind ihre Themen, was erleben sie als Problem, und was wünschen sie sich für ihre Arbeit?
Schon als ich in meiner „ersten“ Karriere über 12 Jahre lang selbst Führungskraft und Managerin war, suchte ich nach Antworten. Aus eigenem Interesse, denn ich hätte mir Austausch gewünscht, hätte zumindest gerne gewusst, ob ich eigentlich die einzige bin, die alles auf „die harte Tour“ lernen muss.

Insofern überrascht es wahrscheinlich wenig, dass ich als Coach nach wie vor brennend an diesen Fragen interessiert bin und am liebsten mit Leistungsträgern und Führungskräften arbeite. Ich bin immer auf der Spur der Themen, die für meine Klienten wirklich Bedeutung haben.
Aus dieser Motivation heraus habe ich auf meinem Leistungsträger-Blog in den letzten 4 Monaten zwei miteinander verknüpfte Umfragen gestartet, deren Ergebnisse ich Ihnen hier kurz vorstellen will.
In Umfrage 1 fragte ich nach den Herausforderungen von Führungskräften mit Personalverantwortung. Umfrage 2 stellte dann die Frage nach den Wünschen, Visionen und Erwartungen dieser Menschen an ihren Führungsalltag.

Umfrage 1: Was ist für Sie in Ihrem Führungsalltag aktuell die größte Herausforderung?

Aus insgesamt 17 vorgegebenen Antworten konnten die Teilnehmer bis zu 10 Antworten ankreuzen:
1. Ich will eine gute Performance bringen, befürchte aber, den Erwartungen der anderen nicht gerecht zu werden.
2. Ich wirke nach außen souverän, aber es fällt mir oft schwer, kühlen Kopf zu bewahren.
3. Ich will meine Mitarbeiter zum „Mitdenken“ statt „Abarbeiten“ bewegen.
4. Ich muss immer schneller entscheiden, ohne die Folgen absehen zu können.
5. Ich denke manchmal, dass keiner sieht, wie viel ich tatsächlich leiste – etwas mehr Wertschätzung wäre schön.
6. Ich fühle mich unsicher bis orientierungslos in der neuen Rolle oder Position.
7. Ich kann mit niemandem offen über meine „wirklichen“ Themen sprechen.
8. Ich muss ständig für alle erreichbar sein und möglichst immer sofort reagieren – das überfordert mich zunehmend.
9. Der Konkurrenzkampf untereinander wird immer schlimmer.
10. Ich verbringe zu viel Zeit mit administrativen Aufgaben.
11. Die Sandwichposition zwischen Chef und Team macht mir ziemlichen Druck.
12. Ich habe viel zu wenig Gestaltungsspielraum und fühle mich oft „ausgebremst“.
13. Ich habe zu wenig Einfluss im Unternehmen, weil ich mich nicht gut genug durchsetzen kann.
14. Ich möchte was bewegen, aber habe das Gefühl, dass ich „am ausgestreckten Arm verhungere“.
15. Ich kenne die politischen Spielregeln im oberen Management nicht ausreichend und mache deshalb Fehler.
16. Mir fehlt die Perspektive: Ich funktioniere nur noch, aber der Spaß fehlt.
17. Ich setze einfach zu wenig Grenzen – ich sage zu selten „Nein!“

Die Ergebnisse in der Übersicht:

Der Wunsch, seine Mitarbeiter zum Mitdenken zu bewegen, war mit weitem Abstand am stärksten ausgeprägt. Auf dem zweiten und dritten Platz folgen dicht hintereinander einerseits der Wunsch nach Wertschätzung und Anerkennung der eigenen Leistung mit 38,5 % und andererseits der Wunsch nach einer Reduzierung der administrativen Aufgaben mit 35,9 %. Es zeigt sich also, dass im Vordergrund der aktuellen Bedürfnisse von Führungskräften das Thema des Umgangs mit der Arbeitsflut steht. Und mit der Frage der Mitarbeitermotivation ist natürlich auch das Thema „Delegation“ ganz eng verknüpft. Wenn ich unmotivierte Mitarbeiter habe, neige ich dazu, Aufgaben selbst zu erledigen. Das erhöht automatisch den Anteil administrativer Arbeiten und damit meine Arbeitsbelastung. Und Wertschätzung erhalte ich dafür auch eher selten. Alle drei meist genannten Herausforderungen hängen daher eng zusammen.

Umfrage 2: Was sind Ihre Erwartungen, Visionen und Wünsche für den Führungsalltag?

Nach den Ergebnissen der ersten Umfrage war ich wirklich gespannt, welche Antworten hier im Vordergrund stehen würden. Die Vermutung lag ja nahe, dass es sozusagen ein Spiegelbild der ersten Umfrage geben würde.
Diesmal gab ich insgesamt 20 Antworten vor, deren Verteilung Sie der folgenden Grafik entnehmen können:

Im Vordergrund stehen hier drei große Wünsche:
1. Vertrauen statt Kontrolle (86%)
2. Kritikfähigkeit (76%)
3. Gestaltungsspielraum/Freiheit (68%)

Leistung und Loyalität gegen Vertrauen und Wertschätzung
Es zeigt sich hier aus meiner Sicht, dass die meisten Teilnehmer an dieser Umfrage sich selbst als verantwortungsbereit, engagiert, leistungsorientiert und kritikbereit sehen. Sie sind ernsthaft daran interessiert, etwas zu bewegen und sehr engagiert; sie haben dabei stets die Firmeninteressen im Blick. Ohne „Gegenleistungen“ wie Gestaltungsmöglichkeiten, Wertschätzung, Rückendeckung und systematische Vorbereitung auf Führungsaufgaben in den oberen Etagen geht es allerdings mit dieser Klientel auf Dauer nicht.

Konsequenzen für Unternehmen der Zukunft
Meine persönliche Überzeugung ist ja, dass Unternehmen gut daran tun, solche Führungskräfte anzuziehen. Eine Mannschaft mit derart loyalen und engagierten Leuten wird weit mehr für den Geschäftserfolg bewegen als Führungskräfte, die ihre Karriere aus anderen Motiven vorantreiben.
Wer sein Unternehmen absichern möchte, braucht Innovatoren und Menschen, die nicht bei der ersten Krise das Unternehmen wechseln, sondern mit anpacken. Solche Leute sind absolut willig, sehr hohe Leistung zu bringen – aber sie wollen dafür auch etwas erhalten. Das muss sich nicht nur im Geldbeutel zeigen. Eine Unternehmenskultur, die die Besten anzieht, ist in der Zukunft eine der wertvollsten Assets für den Unternehmenserfolg, davon bin ich zutiefst überzeugt.

Umfragen als Trendbarometer
Noch eine Anmerkung zum Schluss: Die Teilnahmezahlen an den beiden Umfragen waren dieses Jahr noch relativ gering, was ich darauf zurückführe, dass mein Leistungsträger-Blog noch nicht so bekannt war. Ich denke aber, dass sich diese Umfrage in den nächsten Jahren zu einem interessanten Trendbarometer entwickeln kann und plane, sie jährlich durchzuführen. Vielleicht lässt sich so über die nächsten Jahre noch besser erfassen, was tatsächlich die Themen moderner Führungskräfte sind, die etwas bewegen wollen.

Grafikgestaltung: Julia Graff/Design & Produktion


Bookmark and Share

Schreibe einen Kommentar