Narzissmus- große Bandbreite von charismatisch bis paranoid

Jennifer Julie Frotscher Forschung & Psychologie Leave a Comment

Bild: Konstantin Gastmann by pixelio.de
Nicht selten sind es die Narzissten, die in den Unternehmen die Fähigkeit haben, innovative Ideen zu entwickeln und in die Tat umzusetzen, andere zu begeistern und sie zu motivieren. Der Narzisst kann durch seine charismatische Art eine besonders starke Identifikation mit der Abteilung oder dem Unternehmen schaffen. Narzissten haben auch die Fähigkeit, andere Menschen an sich zu binden und sie auf diese Weise für die Durchsetzung der Unternehmensinteressen zu aktivieren.

Produktive Formen des Narzissmus zeichnen sich durch großen Tatendrang, Initiative und visionäre Handlungen aus. Durchsetzungsvermögen, Selbstvertrauen und Begeisterungsfähigkeit sind in einem gesunden Maß sogar Vorraussetzung für den Aufstieg auf der Karriereleiter und wesentliche Qualitäten einer Führungskraft, aber was ist, wenn der Chef unsympathische und irritierende Verhaltensweisen wie Selbstherrlichkeit, Hypochondrie oder Paranoia an den Tag legt, wenn er das Team wie ein Publikum behandelt oder wenn von zwischenmenschlicher Wärme und freundlichem Miteinander in der Firma überhaupt nicht die Rede sein kann? In dem Fall ist der Tag im Büro eine Qual. Die unstillbare und übersteigerte Selbstliebe eines Narzissten kann für Kollegen, Mitarbeiter und Familie sehr unangenehm werden, da der Narzisst sein Umfeld gern für seine Zwecke instrumentalisiert und mit seinem neidischen Charakter die Arbeit von anderen begabten Menschen nicht gelten lässt. Narzissten schreiben die Erfolge des Teams sich selbst zu, loben und fördern ihre Mitarbeiter nicht, versuchen ihre Umwelt zu kontrollieren und suchen nach ständiger Bestätigung ihrer Grandiosität, da sie sich ohne diese leer fühlen.

Narzisstische Menschen überschätzen sich und haben ein großes Bedürfnis nach Bewunderung. Paradoxerweise leiden Narzissten daran, dass sie selbst in ihrer Entwicklung zu wenig Bestätigung und Empathie bekamen und versuchen, das geringe Selbstwertgefühl durch übertriebene Einschätzung der eigenen Wichtigkeit und dem großen Wunsch nach Bewunderung zu kompensieren.

Durch diese unechte Selbstliebe entsteht ein enormer Druck, das eigene Verlangen nach Bestätigung zu stillen. Daher sind Narzissten darauf aus, neue Bekanntschaften zu machen und sich selbst in einem guten Licht darzustellen. Sie wirken zumindest am Beginn einer Freundschaft sehr offen, charmant, aufregend und vielversprechend. Amy Brunell von der Ohio State University fand in einer Studie mit über 400 Studenten heraus, das sie kontaktfreudig und beim Kennenlernen äußerst erfolgreich sind. Aber Narzissten geht es nicht um Liebe, sondern um Macht. Sie neigen dazu, einen Bezug zu ihrer Umwelt dadurch zu gewinnen, dass sie Macht über sie erlangen. Es fehlt Ihnen an Interesse, Einfühlungsvermögen und Bestätigung im Umgang mit ihrer Umwelt.

Doch das großartige Selbstbild ist unecht, sie haben starke Stimmungsschwankungen und können Kritik nicht ertragen. Sie fühlen sich bedroht, beziehen alles auf sich und fürchten nichts mehr als die Bloßstellung ihrer eigenen Schwächen. Hinter dem grandiosen Getue verbirgt sich ein besondere Empfindlichkeit und Kränkbarkeit, eine große Furcht vor Demütigung. Dadurch werden sie unberechenbar, der Umgang mit einem Narzissten kann sehr anstrengend werden. Hass, Rache-Impulse und die Unfähigkeit, zu verzeihen sind nur einige der unangenehmen Begleiterscheinungen bei einem Streit mit einem Narzissten. Es geht ihnen nicht darum, ein Problem konstruktiv zu lösen oder einen Kompromiss zu finden, der alle Beteiligten zufrieden stellt, sie wollen einfach nur Recht haben und sich selbst als absolut fehlerfrei darstellen. Ein Narzisst fühlt sich von einem zwischenmenschlichen Konflikt so sehr bedroht, dass er sich überhaupt nicht darauf einlassen oder damit auseinandersetzen kann. Sein Verhalten bezieht sich wie sonst auch nur auf seine eignen Person. Die Bedürfnisse seines Gegenübers oder die Gerechtigkeit einer Sache interessieren ihn nicht.

Nicht alle Narzissten sind gleich. Es gibt sehr viele verschiedene Formen und Ausprägungen. Die harmlose Selbstverliebtheit ist nicht zu vergleichen mit psychopathologischen Formen wie beispielsweise narzisstische Persönlichkeitsstörung auf Borderline-Niveau. Im Umgang mit dem narzisstischen Störungsbild ist es wesentlich, es zunächst einmal zu erkennen und zu identifizieren. Da sich dieses „Störungsmuster“ auf der Beziehungsebene abspielt, ist es nicht einfach, die eigene Interaktion von dem Geschehen zu isolieren und das narzisstische Verhalten zu beobachten. Der Narzisst hat erstaunlich feine Mechanismen, die Umwelt in sein System einzuweben. Wesentlich ist bei dieser Beziehungsstruktur, dass sie sich ein Pendant sucht. Das bedeutet, der Narzissmus ist bei Menschen mit einem ähnlichen Defizit in der Selbstwahrnehmung am wirksamsten. Selbstunsichere oder zur Depression neigende Menschen „suchen“ öfters die Nähe dieser mitreissenden Selbstdarsteller.

Es gibt viele Hinweise darauf, dass wir in einer narzisstisch geprägten Gesellschaft leben. Zunahme der Einpersonenhaushalte, Spassgesellschaft, Scheidungen, mangelndes Mitgefühl, Jugendwahn, Körperkult, Verlust traditioneller Werte, Sucht, Maßlosigkeit, Individualismus, Reality-TV-Shows,… kurz gesagt und Wikipedia zitiert: „In der narzisstischen Gesellschaft werden die Werte des Eigennutzes propagiert unter Vernachlässigung von Werten des Gemeinnutzes.“ Was der Narzissmus anrichten kann, haben wir durch die Krise deutlich genug erfahren. Das Bedürfnis zur Kehrtwende ist aber auch vielerorts zu spüren: soziales Wirtschaftswachstum, Abbau von kosteneffizienten Produktion in Billiglohnländern, Corporate Social Responibility, Nachhaltigkeit, social business und viele andere neue Schlagworte sind die Hoffnungsträger der Zukunft. Alles Anti-Narzisstisch.

Daniel Rettig berichtet auf seinem Blog Alltagsforschung.de über „10 psychologische Fakten zum Thema Narzissmus“. Unter anderem stellt er Ergebnisse einer Studie aus den Jahren 1982 bis 2006 vor. Grundlage der Studie war der „Narcissistic Personality Inventory“ (NPI), ein weit verbreiteter Selbsttest, mit dem jeder seine narzisstischen Neigungen testen kann. Dabei wurde herausgefunden, dass fast zwei Drittel der heutigen Studenten narzisstischer sind als frühere Generationen.

Hier geht es zum Selbsttest, „Narcissistic Personality Inventory“ (NPI):
psychcentral.com
Oder hier:
usatoday.com

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