Ein Fehler ist ein Fehler und kein Zeichen für Versagen

Roland Kopp-Wichmann Führung & Persönlichkeit, Interviews Leave a Comment

PE personalityexperts im Gespräch mit
Dipl. Psychologe und Coach Roland Kopp-Wichmann, seit 1983 Psychotherapeut in eigener Praxis in Heidelberg, ausgebildet in Transaktionsanalyse, Hypnotherapie, Körperpsychotherapie und systemischem Arbeiten, spezialisiert auf intensive Persönlichkeitsseminare für Führungskräfte.

Wir sprechen über die eigentlichen Konflikte hinter dem Problem Zeitmanagement, über die Frage, warum die Ablösung von den Eltern auch für den Erfolg im Beruf entscheidend ist und warum Frauen in der Wirtschaft Veränderungen herbeiführen können.

PE
Herr Kopp-Wichmann, Sie sind Experte für Persönlichkeitsentwicklung, wie sind Sie dazu gekommen?

Roland Kopp-Wichmann
Ich habe über zwanzig Jahre als Trainer gearbeitet und Methodentrainings mit Rollenspielen, Kommunikationstechniken usw. gemacht. In einigen anschließenden Coachings habe ich bemerkt, dass sich bei den Teilnehmern nach 4-5 Wochen nichts verändert hat und die gelernten Methoden nicht eingesetzt wurden. Davon war ich überrascht und enttäuscht. Ich dachte darüber nach und fand heraus, dass die einzelnen Methoden bei den Teilnehmern persönliche Themen und Konflikte berühren und deshalb nicht wirksam sein können.

PE
Welche Konflikte?

Roland Kopp-Wichmann
Zum Beispiel ist es ein klassischer Männerkonflikt, Fragen zu stellen und zuzuhören. Man kann das zwar als eine Technik im Methodentraining vermitteln aber dabei wird dieses persönliche Thema natürlich nicht behandelt. Oft fehlt dafür die Zeit. Die Teilnehmer wollen Tipps, Tools und Rezepte. Um diese inneren Konflikte bearbeite zu können, ist es aber nötig, sich tiefer einzulassen. Früher habe ich 2-Tage -Trainings für 10 Personen angeboten, heute biete ich nur noch 3-Tage-Seminare mit maximal 6 Personen an.

PE
Was ist Ihnen dabei wichtig?

Roland Kopp-Wichmann
Was in den klassisches Seminaren zum Thema Zeitmanagement vermittelt wird, kann man in jedem Taschenbuch zu dem Thema nachlesen. Die Frage ist doch: Warum wenden es die Leute nicht an? Es geht um die persönliche Thematik, die manche Menschen mit dem Thema „Zeit“ haben.

Meine Erfahrung ist, das Zeitmanagement viel mit Grenzen zu tun hat. Ein vereinbarter Termin für eine Besprechung ist zum Beispiel eine Grenze. Bei regelmäßigen Zusammenkünften kann man Folgendes beobachten: Der eine kommt 2-3 Minuten zu spät, der andere 10-15 Minuten, der dritte nie und der vierte ist immer schon eine halbe Stunde vor dem Termin da. Das wiederholt sich. Es ist nicht zufällig, auch wenn der Betreffende immer eine gute Erklärung hat. Diejenigen, die zu spät kommen, wissen eigentlich ganz genau, wann sie losgehen sollten, um nicht zu spät zu kommen. Aber sie gehen nicht los. Sie bleiben sitzen, machen noch mal schnell Outlook auf oder bearbeiten etwas anderes Dringendes. Dahinter steckt oft der Wunsch, sich nicht bestimmen zu lassen. Und deswegen werden dann Termine, auch wenn man sie selbst vereinbart hat, als einschränkende Grenze erlebt. Das sind natürlich unbewusste Prozesse, die da ablaufen.

PE
Meinen Sie das mit dem Satz: „Symptome sind Lösungen?“

Roland Kopp-Wichmann
Genau. Zum Beispiel: chronische Unpünktlichkeit löst einen Konflikt.

PE
Wie das?

Roland Kopp-Wichmann
Wer ein Problem mit Grenzen hat, erlebt einen Termin als Einschränkung seiner Freiheit. Die „Lösung“ besteht dann darin, dass man eben ein bisschen zu spät kommt. Wenn das öfters passiert, nenne ich das ein Symptom. Aber dieses symptomatische Verhalten ist für denjenigen gleichzeitig eine gute Lösung. Eigentlich die beste, die er zur Verfügung hat. Pünktlich sein wäre natürlich auch eine gute Lösung. Aber derjenige erlebt das so, als müsste er sich unterwerfen.

PE
Sich unterwerfen?

Roland Kopp-Wichmann
Ja. Da greift ein unbewusster Automatismus. Den eigentlichen Konflikt im Hintergrund kennt man in der Regel gar nicht. Da spielen sehr persönliche Themen eine Rolle.

PE
Bitte erläutern Sie das.

Roland Kopp-Wichmann
Ein weiteres Beispiel ist Perfektionismus. Jeder Perfektionist weiß, dass sein Verhalten nichts bringt, zu viel Zeit kostet und auch fast nie notwendig ist. Die meisten kennen auch die 80/20 Regel. Trotzdem schaffen manche Menschen es nicht, das Schreiben abzuschicken, den Text abzugeben, die Planung freizugeben. Dahinter steckt die Angst, Fehler zu machen und ein Schwarz-Weiß-Denken. Ein Fehler wäre das Zeichen für Versagen.
Das ist in der konkreten Situation unsinnig, irrational, denn ein Fehler ist ein Fehler und kein Zeichen für Versagen. Der Perfektionist weiß das. Er sieht es ja auch bei anderen, dass Fehler passieren und es meistens nicht so schlimm ist. Aber er empfindet es trotzdem als Versagen, das er durch den Perfektionismus zu verhindern sucht.

PE
Was führt dazu, das der Perfektionist Fehler als Versagen empfindet?

Roland Kopp-Wichmann
An dieser Stelle lohnt es sich, einen Schritt zurück in die Biografie zu machen. Dort gibt es vielleicht eine Erinnerung an ein missglücktes Zeugnis. Vater oder Mutter bewerten die 1- für Mathe mit dem Kommentar: „ Wieso ist das denn keine 1 geworden, sondern nur eine 1-?“ In dem Fall wird Leistung also nicht belohnt, sondern mit unangenehmen Gefühlen und fehlender Annerkennung gekoppelt. In den Augen des Vaters war es ein Versagen. Und diese Sichtweise übernimmt man schnell, vor allem, weil heftige Gefühle dabei mitspielen.

PE
Wie stellen Sie in Ihren Seminaren eine förderliche Arbeitsatmosphäre her?

Roland Kopp-Wichmann
Wichtig sind kleine Gruppen, damit Vertrautheit entstehen kann. Am ersten Tag machen wir einige Übungen und ich erzähle etliche Geschichten, um die die Teilnehmer von ihrem Tempo herunter zu bringen. Dabei helfen Übungen zur Achtsamkeit. Die Teilnehmer werden eingeladen, aus dem nach außen gerichteten Alltagsbewusstsein heraus zu kommen und ihre Wahrnehmung nach innen zu lenken.
Ein weiterer wichtiger Punkt für die Atmosphäre: Ich lasse keine negative Gruppendynamik zu, wie spontane kritische Kommentare zu anderen. Das Unbewusste prüft sehr genau, wie sicher die Atmosphäre ist und ob man sich öffnen kann oder schützen muss. Abwertungen, auch eigene, sind dafür ungünstig. Wenn das vorkommt, spreche ich es an und untersuche mit dem Teilnehmer, was er innerlich gerade gedacht oder gefühlt hat, um besser zu verstehen, wofür diese Abwertung „notwendig“ war.

PE
Das heißt, sie versuchen von Anfang an Offenheit zu ermöglichen?

Roland Kopp-Wichmann
Ich habe damit die besten Erfahrungen gemacht. Sonst entwickelt jeder sein bevorzugtes Verteidigungsrepertoire. Für diese innere Arbeit ist es aber unverzichtbar, dass man die Kooperation des Unbewussten gewinnt.

PE
Was meinen Sie mit Kooperation des Unbewussten?

Roland Kopp-Wichmann
Das Umschalten vom Alltagsbewusstsein hin zu einer achtsamen Haltung. Das Alltagsbewusstsein wird hauptsächlich vom Unbewussten gesteuert. Man denkt und handelt in Routinen und Gewohnheiten. Das ist sehr praktisch, es geschieht automatisch. Aber wenn man etwas verändern möchte, muss man sich dabei beobachten, was man gerade denkt oder fühlt. Dazu ist innere Achtsamkeit notwendig.
Der Kontakt zum Unbewussten entsteht durch Achtsamkeit, genauer gesagt, durch das Schließen der Augen. Außerdem durch eine total sichere Atmosphäre. Der Klient – und sein Unbewusstes – soll die Erfahrung machen, das alles in Ordnung ist, was er erlebt, sagt oder tut. Keine Kritik, kein Diagnostizieren, nichts, was ihn verunsichern könnte. Im achtsamen Zustand wird er eingeladen, Gedanken, Gefühle, Bilder und Erinnerungen wahrzunehmen. Er soll auch abwertende Gedanken wahrnehmen und ausschließlich beobachten.
Deshalb unterbinde ich auch kritische Kommentare und Feedback der Teilnehmer untereinander. Wenn ein Teilnehmer sich darüber aufregt, dass ein anderer so viel, zu laut, zu weitschweifig redet, hat das oftmals viel mehr mit ihm selbst zu tun, als ihm bewusst ist.

PE
Gibt es auch Menschen, die das Umschalten vom Alltagsbewusstsein nicht zulassen wollen oder können?

Roland Kopp-Wichmann
Kaum, das regelt sich von selbst. In der Achtsamkeit entsteht die Fähigkeit, sich berühren zu lassen, empathisch zu sein. Da merken auch die Platzhirsche. Es geht nicht um Hierarchie oder Status: Wer ist der Stärkste? In meinen Seminaren ist jeder nur für sich selbst da. Die Räumlichkeiten sind ein weiterer Punkt für die Atmosphäre. Deswegen arbeite ich nicht gern in Hotels, sondern lieber in meinen eigenen Seminarräumen.

PE
Sind Glaubenssätze in ihrer Arbeit wichtig?

Roland Kopp-Wichmann
Glaubenssätze sind entscheidend. Damit beginnen wir schon am ersten Seminartag. Ich habe eine Technik entwickelt, mit der man mittels Achtsamkeit seine eigenen Glaubenssätze identifizieren kann. Dazu sage ich einen positiven Satz, und die achtsamen Teilnehmer beobachten genau bei sich selbst, was der Satz in ihnen auslöst. Dabei sind die ersten 5 Sekunden entscheidend, denn danach setzt eher verstandesmäßige Denken ein. Ein Beispielsatz wäre: “Du musst nichts mehr beweisen“. Die erste Reaktion eines Teilnehmers ist vielleicht: „Doch!“ Oder er erlebt, wie sich seine Schultern entspannen. Das untersuchen wir dann genau. Was musst du beweisen? Wem musst Du das beweisen? Wann ist es denn bewiesen? Das sind zum Beispiel hilfreiche Fragen um dem Glaubenssatz auf die Spur zu kommen.

PE
Können wir uns verändern?

Roland Kopp-Wichmann
Wenn man keine Ahnung von den unbewussten Konflikten hat, nur schwer. Die Verhaltensstrategien, die wir aufgrund der unbewussten Glaubenssätze entwickelt haben, werden ja als sehr wirksam erlebt. Meist ist einem ja auch gar nicht bewusst, dass ein Glaubenssatz dahinter steht, sondern man denkt: „Aber so ist die Welt.“ Oder „Ich bin so.“
Veränderungsvorhaben, die der Verstand vorgibt, scheitern meistens. Veränderung ist nur möglich durch Emotion. Deswegen ist es wichtig, die Gefühle wachzurufen. Ich arbeite oft mit dem Satz: „Wer etwas will, findet Wege. Wer etwas nicht will, findet Gründe.“ Wer etwas wirklich will, verbindet damit immer starke Gefühle. Entweder Vermeiden von unangenehmen Emotionen oder die Hoffnung auf positive Gefühle. Wer etwas halbherzig will oder tut, weil es ein anderer will, hat dabei keine starken Gefühle. Und findet dann schnell Gründe, warum es nicht geht.

PE
Sind Menschen im Beruf ganz andere Persönlichkeiten als privat?

Roland Kopp-Wichmann
Manche ja, manche nein. Manche Menschen sind zum Beispiel im Beruf sehr selbstbewusst und im Privatleben eher schüchtern. Oder umgekehrt. Die Frage dabei ist: Wie erlebt derjenige die jeweiligen Beziehungen? Entscheidend ist auch hier, welche Erfahrungen in der Kindheit gemacht wurden. Manche Männer können sich im Beruf besser abgrenzen als bei ihrer Ehefrau. Die Beziehung zur Frau aktiviert Bereiche, in denen Verletzungen empfunden werden während das berufliche Feld geschützt ist.

PE
Sie geben auch Seminare für eine bessere Kommunikation zwischen Männern und Frauen. Geht es hier um private oder um berufliche Themen?

Roland Kopp-Wichmann
Beides. Denn um erwachsen zu sein, muss man sich innerlich – manchmal auch äußerlich – von den Eltern abgelöst haben. Hat man das als Mann zu wenig, kann es sein, das man sein Vaterthema am Vorgesetzten abarbeitet.

PE
Geht es auch um die Ablösung von der Mutter?

Roland Kopp-Wichmann
Ja, beispielsweise um ‚Loyalitätsbindung als Erfolgsbremse’. Wenn die Mutter als Hausfrau glücklich war, kann es für eine Tochter schwierig sein, nicht diesem Vorbild zu entsprechen. Sie will Karriere machen und viel Geld verdienen. Vermasselt sich eine Frau das immer wieder, kann es sein, dass unbewusste Schuldgefühle dahinter stecken. Die Loyalität zur Mutter, die als Bild des Frauseins empfunden wird kann dann zur Bremse beim beruflichen Erfolg werden.
Auch hier gilt: „Das Symptom ist die Lösung“. Das Erfolgreichsein wird unbewusst als unweiblich empfunden und aktiviert Schuldgefühle im Sinne von: ich darf nicht anders sein als du. Will eine Teilnehmerin das verändern, arbeite ich mit der Frau an dieser inneren Ablösung. Da geht es dann darum, ob die erwachsene Tochter anders sein darf als die Mutter – und trotzdem die Beziehung erhalten bleibt.

PE
Zurzeit ist die Frauenquote großes Thema in den Unternehmen. Was halten Sie davon?

Roland Kopp-Wichmann
Ich sehe das pragmatisch und positiv. Dass es anders nicht geht, sieht man an der Praxis in der Vergangenheit. Männer denken bei Stellenbesetzungen nicht unbedingt von allein an weibliche Bewerber. Männer wissen, wie Männer ticken. Frauen haben aber andere Spielregeln, kommunizieren und empfinden oft anders als Männer. Dadurch sind sie für Männer schwerer einschätzbar und rätselhafter. Durch die Quote besteht die Chance, dass Männer und Frauen erleben, dass Zusammenarbeit trotzdem gut funktioniert, auch wenn einige Spielregeln verändert werden müssen.

PE
Was machen Frauen anders als Männer, wenn Sie in Führungspositionen sind?

Roland Kopp-Wichmann
Sie kommunizieren mehr und besser. Sie sprechen Konflikte an und sorgen durch ihren Kommunikationsstil oft dafür, dass es nicht eskaliert. Männer wollen schneller Recht haben, können Unterschiede nicht so gut stehen lassen, sind eher wettbewerbsorientiert.

PE
Wirtschaft ist grundsätzlich wettbewerbsorientiert. Ändert sich das, wenn Frauen in der Wirtschaft strategisch wichtige Positionen besetzen?

Roland Kopp-Wichmann
Unsere Wirtschaft wird ja insgesamt grüner, ökologischer. Weil immer mehr Menschen auch so denken. Frauen haben vielleicht von Natur aus eine andere Definition von Wettbewerb und Wachstum. Sie denken in längeren Zeiträumen, nachhaltiger. Vermutlich hängt das damit zusammen, das Frauen Kinder bekommen können. Eine Schwangerschaft dauert lang, ein Kind braucht die Versorgung der Mutter über einen sehr langen Zeitraum. Die „weibliche“ Strategie orientiert sich eher an Beziehung, die „männliche“ an Eroberung. Ich denke, daraus entsteht eine unterschiedliche Definition davon, was „Erfolg“ oder „erfolgreiches Handeln“ oder ein „erfolgreiches Unternehmen“ ist.
Erfolg kann als gestiegener Umsatz, höherer Gewinn, Steigerung des Marktanteils etc. definiert werden. Es kann aber auch die Mitarbeiterzufriedenheit oder die Kundentreue als Bewertungsmaßstab genommen werden, oder auch die ökologische Verträglichkeit des Produktionsprozesses. Erfolg kann als etwas definiert werden, was Menschen langfristig und nachhaltig nützt.

Schreibe einen Kommentar