„Nur Tote bleiben liegen“

Jennifer Julie Frotscher Karriere & Erfolg, Rezensionen Leave a Comment

In ihrem neuen Buch beschreiben die Autoren Anja Förster und Peter Kreuz die heutige Gesellschaft in einem tiefgreifenden sozialen und technologischen Wandel. Ausgangspunkt dieser globalen Veränderung, die alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozesse betrifft und ein umfassendes Wachstum für die Menschen ermöglicht, ist das Internet, bzw. die Neuerungen, die das Internet und das Web 2.0 für uns bereit halten. Die Autoren heben das Internet aus der virtuellen Abstraktion heraus in unsere konkrete Gegenwart hinein und fragen: warum passiert das, was im Internet geschieht nicht gleichzeitig auch in der realen Welt, in den Unternehmen, in unseren Köpfen?

Natürlich wissen wir alle längst, das uns das Internet verändert. Aber wie genau? Was passiert eigentlich? Welchen Einfluss hat es bezogen auf Arbeitsabläufe und Prozessgestaltung, auf Führungsqualität und Innovationsverhalten? Die Autoren gehen detailliert, strukturiert und gleichzeitig erzählend vor, sie beschreiben anhand von vielen Beispielen und erlebten Geschichten die Auswirkungen und die positiven Veränderungen, besonders für die Bereiche Transparenz, Motivation, Innovation, Führungskultur und kollektive Intelligenz.
Demokratie ist die Basis des Internet, dort entwickeln sich neue, bahnbrechende Freiheiten und Möglichkeiten, die den erstarrten Kulturen unserer Führungsetagen abhanden gekommen sind.

Die Vernetzung der Welt untereinander ist das Lernmodell der Zukunft. Lebendig, dynamisch, atmend, prozesshaft und zyklisch anstatt linear und kausal.

Ausgehend von einer Vision entwickelt das Buch einen zielsicheren Schritt, der den Leser in den Bann zieht. Das Lesen ist ein regelrechtes „Flow-Erlebnis“, inhaltlich baut es aufeinander auf, die Kapitel sind logisch miteinander verknüpft, es wirkt wie ein Vortrag, der als Ganzes gehört werden will. Das Buch liest sich wie eine Perlenschnur durch alle erfreulichen Visionen und zukunftsweisenden Anekdoten hindurch zu einem geglückten Finale, in dem auf Zusammenfassung ebenso verzichtet wird wie auf den ermahnenden Zeigefinger der Umsetzung.
Es sind wunderbare Zitate darin zu finden, die perfekt in die Zusammenhänge gestellt sind und selbst geübten Zitatesammlern neu sein dürften.

Eine der Botschaften heißt: Marke und Produkt gehören dem Kunden. Förster und Kreuz beschreiben, was passiert, wenn man Kunden zu Partnern macht. Sie schlagen vor, die Kompetenz der Kunden als Ratgeber, Feedbackgeber, Ideengeber und Gestalter zu nutzen. Die Grenze zwischen den Kunden und den Unternehmen gibt es nicht mehr, das Internet mit seinen Blogs, Foren und Kommentaren hat sie aufgelöst – und das ist tatsächlich positiv für Unternehmen, Kunden und Markt. Für die Unternehmen geht es „nur noch“ darum, diese Trendwende individuell zu integrieren und all die Experten vor den Toren der Firma als Wissensträger zu sehen und wertzuschätzen. Der kleine Führungszirkel hat ausgedient: „offener Innovationswettbewerb statt Kungelrunde im Boardroom“ ist die Devise. Vorbei die Zeit der Businessflieger, Lounges und steilen Hierarchien. Im neuen Zeitalter ist derjenige Führungskraft, der heute, jetzt und aktuell das Produkt, die Idee und die Kraft zum Führen hat. Es geht um die demokratische Nutzung von Intelligenz, Motivation und Innovation. Förster und Kreuz decken die Scheinsicherheiten auf, die durch Kontrolle, Bindung und Hierarchien entstehen und zeigen den Nutzen von Freiheit, Loslassen und Transparenz.

Die Autoren geben gute Modelle an die Hand, nicht zu viele, gerade eben so, dass man sie sich merken kann. Nützlich, logisch und anwendbar, zum Beispiel die Einteilung der unzufriedenen Kunden in Provokateure und Saboteure oder die Einteilung von Mitarbeitern in ein an den Hinduismus angelehntes Prinzip von Brahma, Vishnu und Shiva, die gemeinsam das Prinzip des Lebens repräsentieren. Schöpfung, Bewahrung und „schöpferische Zerstörung“. Alle drei Prinzipien werden auf Stärken in der Persönlichkeit übersetzt, jede Funktion hat ihre Berechtigung, sinnvolle Zusammenarbeit gelingt unter angemessener Berücksichtigung dieser Prinzipien.

Gelegentlich suche ich die kritische Betrachtung, die von verschiedenen Perspektiven auf den Sachverhalt schaut und Anmerkungen dazu macht, Ideen gibt oder Schwierigkeiten aufzeigt. Für diejenigen unter den Lesern, die grundsätzlich mit einem kritischen Auge lesen und sich die Frage nach der Umsetzbarkeit in die Lesebrille eintätowiert haben. Zum Beispiel die Frage nach den Anreiz – und Vergütungssystemen welche im neuen Umgang mit Innovationen dringend gebraucht werden. Wie soll die „Intelligenz der Vielen“ genutzt werden, wenn sich herumspricht, dass die Ideengeber leer ausgehen? In welcher Rechtsform können Innovationen abgebildet werden, die jemand aus einer system- und unternehmensfremden Gegend hat, jemand also, der nicht automatisch von der Idee profitiert, weil er nicht zur Unternehmensspitze oder zur provisionsberechtigten Belegschaft gehört.
Und wie wird in einer hierarchieflachen Gemeinschaft, die ihre Führungskräfte nach Projekt, Idee und natürlich gebildeter Followerschaft zusammensetzt, garantiert, dass nicht diejenigen mit der „lautesten Klappe“ am meisten Mitarbeiter an sich binden?
Die neue Führungspersönlichkeit, was braucht sie, wie sieht sie aus, wie verhält sie sich? Und was ist mit Werten, ethischen Fragestellungen, Nachhaltigkeit?
Was ist mit diesen ominösen neuen Unternehmensstrukturen, wie sehen die Konzepte aus, in denen die neuen Freiheiten umsetzbar sind?

Ich denke, dass die Autoren Ratschläge allgemeiner und theoretischer Art ganz bewusst auslassen und stattdessen durch einige gut gezielte Beispiele Ideen und Vorstellungen in den Köpfen der Leser abbilden. Weil sich diese Fragen sowieso jedem Leser stellen, der das Thema erst nimmt und offen ist für die Veränderung. Weil die Fragen & Antworten von selbst entstehen wenn sich der Wandel vollzieht und weil es für jede Person und für jedes Unternehmen anders sein wird. Es gibt kein Rezept, jeder muss sich und sein Unternehmen selbst in den Wandel führen und eigene Entscheidungen treffen. Denn da fängt die neue Freiheit an. Es ist absolut selbstbestimmte Demokratie gemeint und die wird nicht vorgekaut.

Jeder Mensch kann selber denken, fühlen und Bewegung in die Sache bringen, denn „Nur Tote bleiben liegen“.

Das Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine dynamische Gesellschaft und Wirtschaft, in der Begriffe wie Engagement, Reduktion, Loslassen, Aushalten, Ideendemokratie, Variantenreichtum, Transparenz, Feedback, Eigeninitiative und Kreativität vorkommen und in dem Begeisterung für die Idee entfacht wird, dass diese Begriffe von jedem Menschen und jedem Unternehmen in selbstbestimmter Weise gelebt werden können.
Meine Empfehlung: Lesen Sie das Buch, es hat viel zu bieten. Es ist in einem flotten Tempo geschrieben, ebenso flott gelesen, aber mit nachhaltiger Wirkung.

Titel: Nur Tote bleiben liegen
Autoren: Anja Förster & Peter Kreuz
Verlag: 2010 Campus Verlag GmbH, Frankfurt am Main
ISBN: 978-3-593-39220-2

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