Immer weniger Ich-Starke Menschen

Christopher Rauen Coaching & Entwicklung, Interviews Leave a Comment

PE personalityexperts im Gespräch mit dem renommierten Osnabrücker Coaching-Experten Christopher Rauen – Inhaber einer eigenen Beratungsagentur, Verbandsgründer, Herausgeber eines gefragten Magazins und führender Datenbankanbieter.
Es geht um den Trend der Firmen, Coaching als Manipulation nutzen zu wollen, die Zunahme von Burn-Out und die Bedeutung der Coaching-Verbände.

PE
Herr Rauen, Sie begrüßen das Filtern der Coaching-Anbieter durch Assessment-Veranstaltungen ihrer Kunden. Ist die Qualität damit im Markt deutlich höher geworden?

Christopher Rauen
Grundsätzlich ja. Dennoch gibt es einige entgegensetzte Entwicklungen. Früher war Coaching viel stärker prozessorientiert. Das heißt, dem Klienten wurde viel mehr Zeit gelassen, seinen eigenen Weg zu entwickeln. Heute wollen die Firmen schon nach 3 Monaten erste Ergebnisse. Und wenn ein Prozess früher neun Monate dauerte, soll er heute bereits nach einem halben Jahr beendet sein. Viele Unternehmensführungen verwechseln Coaching da aber mit Management by Objectives.

PE
Bitte erläutern Sie das?

Rauen Anstatt sich darauf einzulassen, dass ihre Mitarbeiter sich selbst besser verstehen und etwas in ihrem beruflichen Alltag ändern, um bessere Leistungen zu erzielen, setzt die Führung Zielvorgaben, die keine wirkliche Reflexion zulassen. Das hat nichts mit Coaching zu tun. Es deutet viel eher auf Führungsprobleme hin, und dass der Coach als Manipulationsveredler benutzt werden soll.

PE
Und da machen die Coaches mit?

Rauen
Viele nehmen das tatsächlich an, um im Geschäft zu bleiben. Für die Firmen wird das jedoch schmerzliche Folgen haben.

PE
Inwiefern?

Rauen
Dieses Quartalsdenken und das Fordern schneller Ergebnisse führen dazu, dass Zusammenhänge nicht mehr erkannt werden. Ohne Reflexion ist Coaching nur das Abarbeiten von Zielen und so sind Folgeprobleme vorprogrammiert. Für Berater ist das gut, weil sie wieder engagiert werden. Firmen dagegen setzen auf diese Weise Geschäftsabläufe aufs Spiel. Der Ausweg aus diesem Teufelskreis heißt für mich, dass die Führung die Prozesse nicht nur endschleunigen, sondern auch hinterfragen müsste.

PE
Und das tun sie nicht?

Rauen
Nicht in der Breite. Zu unserer Agentur kommen immer mehr Menschen mit Burn-Out-Syndrom oder Medikamenten-Abhängigkeit. Die Unternehmensleitungen wollen, dass wir diese Mitarbeiter coachen, aber wir lehnen das ab. Diese Fälle müssen therapeutisch behandelt werden. Hier ist eigentlich die Führung gefordert, die gemeinsame Zusammenarbeit nach den Ursachen für die zunehmenden Erkrankungen zu untersuchen.

PE
Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Rauen
Sie ist sicherlich auch eine Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise. Ich beobachte eine deutliche Zunahme von Ängsten. Die Menschen arbeiten nicht länger aus Freude an ihrem Job und weil sie etwas leisten möchten. Sie bleiben, weil sie Angst vor Entlassung, Ärger, Bestrafung haben. Es gibt immer weniger Ich-Starke Menschen, die gelernt haben, mit Ängsten umzugehen. Die Folge ist, dass viele Arbeitnehmer in ein Hamsterrad geraten. Oft beginnt das sogar schon in der Schule.

PE
Was vermissen Sie dort?

Rauen
Es ist wie der Druck im Coaching: Kaum noch jemand bekommt die Zeit, etwas auszuprobieren und sich zu entwickeln. Alles wird vorgegeben und an Zielen gemessen. Die Leistung muss stimmen und gefragt ist, wer „tough“ erscheint. Doch hinter der vordergründigen Stärke steckt oft Angst. Wer sich das nicht eingesteht und davor wegläuft, verstärkt die Angst sogar noch. Für mich ist es daher nur logisch, dass immer mehr Menschen über Burn-Out klagen.

PE
Wie gehen die Coaches damit um?

Rauen
Fälle wie Burn-Out erfordern einen Therapeuten und keinen Coach. Da gibt es für mich eine klare Trennung. Generell ist im Coaching, egal ob bei Ängsten oder anderen Themen jedoch im Markt eine Instrumentalisierung zu beobachten. Das heißt, viele Coaches versuchen verstärkt bestimmte Werkzeuge wie Persönlichkeitstests einzusetzen. Für ein Gruppen-Coaching mag das sinnvoll sein, weil Teams damit schon im Vorhinein leichter eingeschätzt werden können. Doch letztlich führt das nur dazu, dass es viele Coaching-Techniker, aber keine Coaches gibt.

PE
Was spricht aus ihrer Sicht gegen Methoden?

Rauen
Werkzeuge sind nur Krücken, die vermeintlich dem Coach, aber nicht dem Klienten helfen, seinen eigenen Weg zu finden. In meinen Ausbildungen führe ich die Teilnehmer deshalb auch weiter. Sie sollen sich von ihrer Methodengläubigkeit verabschieden und auf die konkrete Situation ihrer jeweiligen Klienten eingehen.

PE
Der Coaching-Markt ist wird derzeit von einer Flut an Verbänden überschwemmt. Sichert das wirklich die Qualität der Branche?

Rauen
Von den derzeit 20 Verbänden werden in Zukunft maximal vier eine große Bedeutung haben. Und die können problemlos nebeneinander existieren, da sie ganz unterschiedliche Marktsegmente abdecken.

PE
Welche sind das?

Rauen
Die International Coaching Foundation ICF ist überwiegend in den USA und England stark aufgestellt. Im Deutschen Verband für Coaching und Training DVCT sind vor allem Trainer organisiert, die auch Coaching anbieten. Daneben gibt es viele Supervisoren, die Coaching hauptsächlich im sozialen Bereich anbieten. Sie haben sich in der Deutschen Gesellschaft für Supervision, DGSV zusammengeschlossen. Und die Business Coaches sind in dem von mir mit initiierten Deutschen Bundesverband Coaching, DBVC vertreten.

PP
Ist die Teilnahme für jeden offen?

Rauen
Grundsätzlich ja, wenn man die fachlichen Voraussetzungen erfüllt. Für viele ist die Mitgliedschaft aber auch eine Frage des Geldes. Neben 1500 Euro Aufnahmegebühr fallen noch 1000 Euro Jahresbeitrag an. Einkaufen kann man sich im DBVC allerdings nicht. Wir achten bei der Aufnahmeprüfung streng auf die Qualität der Bewerber.

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