Coaching-Branche erbarmungslos auf dem Prüfstand

Christopher Rauen Coaching & Entwicklung, Interviews Leave a Comment

Der renommierte Osnabrücker Coaching-Experte Christopher Rauen – Inhaber einer eigenen Beratungsagentur, Verbandsgründer, Herausgeber eines gefragten Magazins und führender Datenbankanbieter im Gespräch mit PE personalityexperts über Assessments für Coaches, Trends in der Persönlichkeitsentwicklung und die Bedeutung von Verbänden.

PE
Herr Rauen, Coaching gilt in der deutschen Gesellschaft mittlerweile als Selbstverständlichkeit. In wie weit setzen Firmen wirklich auf die Form der Personalentwicklung?

Christopher Rauen
Coaching hat sich etabliert und in der vergangenen Wirtschaftskrise sogar Marktanteile gewonnen. Es wird nicht nur von den großen Konzernen, sondern inzwischen auch von den kleineren Unternehmen genutzt. Und die Nachfrage steigt.

PE
Kann der Mittelstand sich das wirklich angesichts der konjunkturellen Schwierigkeiten leisten?

Rauen
Das Potenzial ist dort zwar noch sehr groß. Ungefähr nur 20 – 25 Prozent der Mittelständler setzen derzeit auf Coaching zur Qualifizierung ihrer Mitarbeiter. Aber Personalentwicklung wird auch für die kleineren Unternehmen immer wichtiger. Und mit dem Angebot von Coaching lassen sich gute Leute, egal ob Fachkraft oder Führungskraft, leichter anwerben. Bei uns macht zum Beispiel gerade eine Unternehmerin eine Coaching-Ausbildung, die mit ihrem Mann eine kleine Bäckereikette leitet. Sie möchte ihre Mitarbeiter selbst coachen können.

PE
Hat sich das Coaching-Angebot in den vergangenen Jahren verändert?

Rauen
Mein persönlicher Eindruck – als Coach und Ausbilder – ist, dass sich der Markt professionalisiert. Die Firmen kaufen nicht mehr einfach Coaching. Sie wählen anhand eigener Kriterien erbarmungslos aus.

PE
Was heißt das?

Rauen
Inzwischen veranstalten vor allem die großen Unternehmen spezielle Assessements, so genannte Bewerberrunden für Coaches. Darin befragen sie die Anbieter knallhart nach ihrem Coaching-Verständnis, den Unterschieden zum Training und der Therapie sowie dem konkreten Vorgehen. Oft müssen die Bewerber ihre Herangehensweise auch in Rollenspielen unter Beweis stellen.

PE
Haben Sie sich so einem Assessment selbst schon stellen müssen?

Rauen
Nein, ich arbeite lieber mit Unternehmen, die auf Empfehlung an meine Agentur herantreten und die sich mit uns in einem umfassenden Gespräch erst einmal vertraut machen. Aber meine Mitarbeiter schicke ich zu Assessments, wenn diese es selbst wünschen.

PE
Was kritisieren Sie an dieser Anbieterauswahl?
Rauen Grundsätzlich lehne ich diese Assessments nicht ab. Sie helfen, dass qualitativ schlechte Anbieter vom Markt verschwinden. Allerdings halte ich die aktuelle Vorgehensweise nicht für angebracht. Es wird teilweise eine Drohkulisse aufgebaut, um zu testen, ob sich der Coach verunsichern lässt. Zudem sind die Rollenspiele eine Showveranstaltung. Schließlich handelt es sich bei den Testern, die sich als Klient zur Verfügung stellen, nicht um Personen, die wirklich etwas verändern wollen. Diese Drohkulisse ist sogar kontraproduktiv, da sie die Ergebnisse eines
authentischen Coaching-Prozesses verfälschen kann. Letztlich wird dadurch eher die Raffinesse der Coaches gefördert, sich so geschickt wie möglich zu verkaufen. Wirkliche Qualität bleibt da auf der Strecke. Für mich ist dieses Auswahlverfahren daher auch eher ein Instrument, um die Preise weiter zu drücken.

PE
Ist das nicht ein Klagen auf hohem Niveau?

Rauen
Es stimmt, dass die Coaching-Branche die Wirtschaftskrise viel besser als andere Business-Trainer überstanden hat. Andererseits haben auch wir Einbußen zu verzeichnen. Derzeit liegt das Durchschnittshonorar für eine Coaching-Stunde unter 150 Euro. Es betrug schon einmal deutlich mehr.

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