Wir müssen auf das Individuum schauen!

Jennifer Julie Frotscher Interviews, Potenzialanalysen & Persönlichkeitsprofile Leave a Comment

Peter Boltersdorf, 57, beschäftigt sich seit vielen Jahren als Trainer, Berater und Coach mit dem Themen Motivation, Führung und Kommunikation in der Wirtschaft und im Leistungssport. Besonders wichtig ist es ihm, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen sich gemäß ihrer Persönlichkeit entfalten und so ihr gesamtes Leistungspotenzial abrufen können.

Herr Boltersdorf, Sie beraten den Trainerstab von Olympiasieger Matthias Steiner, die deutsche Handballnationalmannschaft der Herren und auch die der Junioren sowie verschiedene Fußballbundesligisten. Was kann ein Motivationsberater von außen bewirken?
Boltersdorf: Zunächst einmal ist es wichtig zu verstehen, dass wir nichts von außen künstlich erzeugen können. Wir müssen auf das Individuum schauen – Was sind die persönlichen Motive, Ziele und Werte, die die Persönlichkeit des Einzelnen prägen und sein Handeln von innen her antreiben? Erst wenn ich als Coach oder Trainer dies verstehe, kann ich die passende emotionale Ansprache und die richtigen Methoden finden, die den anderen auch erreichen. Das Erfolgsrezept heißt „Individualisierung“.

Wie schaffen Sie es, neben dieser Fokussierung auf den Einzelnen auch das Team als Ganzes zu erreichen?
Boltersdorf: Die emotionale Ansprache des Einzelnen hat immer Vorrang vor der des Teams als Ganzem – einfach weil sie effektiver ist. Dennoch schaue ich mir nicht nur genau das individuelle Profil jedes Sportlers an, sondern auch das Teamprofil. – Wo gibt es kongruente Ausprägungen, wo gibt es Unterschiede? – Bezogen auf die konkrete Wettkampfsituation und die emotionale Herausforderung für das Team lassen sich dann hinsichtlich der Aufstellung und der Ansprache konkrete Impulse ableiten, die gesetzt werden können.

Sie wenden in Ihrer Beratungsarbeit die Erkenntnisse des Motivationsforschers Professor Dr. Steven Reiss an. Darüber hinaus führen Sie eigene Studien durch. Auf dem Motivationskongress der World Society of Motivation Scientists und Professionals, der Anfang September 2009 in Köln stattfand, stellten Sie Ergebnisse aus der Analyse von Persönlichkeitsprofilen von Profi-Fußballern vor. Müssen wir jetzt von lieb gewonnenen Klischees Abschied nehmen?
Boltersdorf: (lacht) Das kommt darauf an, welches Klischee Sie im Kopf haben. Zum einen ließen sich tatsächlich übereinstimmende Persönlichkeitstendenzen bei den analysierten Profilen von fast 400 Profifußballern finden, zum Beispiel eine hohe Bedeutung von Fürsorglichkeit für die eigenen Kinder. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Kommunikation der Trainer zu den Sportlern, insbesondere wenn der Trainer einen Sportler vor sich hat, der hier gerade eine ganz andere Motivausprägung hat als er selbst. Auch bei den von mir analysierten Profilen von Torhütern, gab es interessante Ergebnisse. So sind zum Beispiel viele Torhüter zu ihrer Aufgabe gekommen, weil sie schon als Kind keine Angst hatten und deswegen von den anderen ins Tor gestellt wurden. Ein Klischee, dass sich deutlich als reines Vorurteil erwiesen hat, ist das Thema des „Protzens“ mit Geld und Statussymbolen. Profifußballer unterscheiden sich hier überhaupt nicht von der allgemeinen Bevölkerung. Nur ein kleiner Teil der Fußballer hat ein Bedürfnis, sich elitär von anderen abzuheben.

Sie werden nicht nur im Leistungssport zu Rate gezogen, sondern auch von Industrieunternehmen als Berater geholt. Was kann die Industrie vom Leistungssport lernen?
Boltersdorf: Menschen müssen die eigene Persönlichkeit gut kennen, um zu wissen, wie sie mit Situationen umgehen können, in denen Höchstleistungen von ihnen erwartet werden. Im Leistungssport ist das durch die unwiderrufliche Wettkampfsituation, in der es heißt „Jetzt oder nie!“ auf die Spitze getrieben. Das fasziniert auch gestandene Manager. Doch ob Trainer, Mannschaftskapitän oder Führungskraft, ist die Frage die gleiche: Wie gelingt Führung? Wie kann ich ein Team emotional auf die Erfolgsspur setzen? – Dies kann nur durch Individualisierung gelingen.

Das mag ja für einen Trainer in der Betreuung eines Einzelsportlers funktionieren. Doch wie kann ich als Chef auf jeden Mitarbeiter eines 40-köpfigen Teams individuell eingehen?
Boltersdorf: Natürlich ist der Aufwand am Anfang etwas höher. Als Führungskraft muss ich mein Persönlichkeitsprofil sowie das meiner Mitarbeiter kennen und verstehen. Meine Unterstützung als Berater liegt dabei darin, die Aussagen, die in den Profilen stecken, für den Arbeitsalltag zu übersetzen. – Was bedeutet das für die Belohnungssysteme? Wie viel Teamgeist ist vorhanden und wie kann er gefördert werden? Wo liegen potenzielle Konflikte? etc. Ist dieses Denken verinnerlicht, wird die Führungsarbeit sogleich viel effizienter und – vor allem nachhaltiger. Es ist also ein persönliches Invest, das sich lohnt.

Über die persönliche Ebene hinaus wie profitieren Unternehmen insgesamt, wenn sie die Individualität ihrer Mitarbeiter stärker berücksichtigen?
Boltersdorf: Die gesamten HR-Systeme könnten viel gezielter wirken. Jeder Mensch hat ein ganz individuelles Profil an Motiven, Zielen und Werten und unterscheidet sich darin von seinem Kollegen, Geschäftspartner, Vorgesetzten oder Kunden. Motivationsimpulse, die nicht am Einzelnen ausgerichtet sind, laufen ins Leere. Wenn es stimmt, was Studien nahe legen, dass sich die Mehrheit der Mitarbeiter von ihrem Chef nicht richtig motiviert fühlt, dann liegt hier ein riesiges Potenzial, das gehoben werden kann.

Das Interview wurde anlässlich des 1. Internationalen Motivationskongresses der World Society of Motiavtion Scientists and Professionals (WSMSP) www.motivationscience.org im September 2009 in Köln geführt.

Peter Boltersdorf ist Gesellschafter der Reiss Profile Germany GmbH, die von Steven Reiss exklusiv als Lizenzinhaber für das Reiss Profile in Deutschland eingesetzt wurde. Zudem ist Boltersdorf auch Gesellschafter der Reiss Profile Europe B.V., die das Reiss Profile im Sinne Steven Reiss’ in ausgewählten Ländern Europas vertritt, zum Beispiel den Niederlanden, der Schweiz und Österreich. Mit seinem Beratungsunternehmen Reiss Profile für das Management und den Leistungssport in Aachen berät Boltersdorf zahreiche Unternehmen aus Industrie und Mittelstand und coacht Manager sowie Trainer und Athleten im Leistungssport.

Publikation: Bernhart; Ilona (2009): Die Ursprünge der Motivation
Das Persönlichkeitsinstrument Reiss Profile im Leistungssport. In: Leistungssport, 4, S. 35-39


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