Herausfinden, was uns motiviert

Jennifer Julie Frotscher Coaching & Entwicklung, Interviews Leave a Comment

Dr. Steven Reiss, emeritierter Professor für Psychologie und Psychiatrie der US-amerikanischen Ohio State University ist Motivationsforscher und Begründer des Reiss Profile. Im Fokus seiner Arbeit stehen die Lebensmotive der Menschen und deren Einfluss auf Wertehaltungen und die Entwicklung der Persönlichkeit.

Herr Professor Reiss, wie sind Sie an die Motivationsforschung herangegangen?
Reiss: Begonnen haben wir mit der Frage „Was wollen die Menschen eigentlich und welche Wünsche bestimmen ihr Handeln?“ Wir waren weltweit das erste Forscherteam, das dieser Frage empirisch nachging und Menschen dazu befragte, wonach sie streben. Das heißt, wir erstellten eine lange Liste möglicher Wünsche und ließen die Befragten bewerten, wie stark sie diese anstreben. Anhand mathematischer und psychometrischer Verfahren filterten wir dabei sechzehn fundamentale Lebensmotive heraus. Aus diesen entwickelten wir das Reiss Profile, ein einzigartiges und sehr zuverlässiges Instrument, um die individuellen Motive, Werte und Ziele von Menschen zu messen.

Ihr erstes Buch zu diesem Thema trägt den Titel „Who am I?“*. Darin gehen Sie auf den Begriff des „werteorientierten Glücks“ ein. Was meinen Sie damit?
Reiss: Werteorientiertes Glück heißt für mich das Glück, das aus der Befriedigung von Lebensmotiven resultiert. Dies steht im Gegensatz zu einem allein situativen Empfinden. Sigmund Freud hat einmal gesagt, wir seien vor allem durch Triebe und psychische Energie motiviert. Unser Ansatz ist ein anderer: Wir sagen, dass menschliches Verhalten aus dem Ausdruck von grundlegenden Werten, Zielen und Motiven besteht. In unserer Sprache sagen wir auch „We value, what we want and we want, what we value“.

Dabei gehen Sie von sechzehn Lebensmotiven aus, die das menschliche Handeln prägen. Können Sie uns diese Motive kurz in ihrer Relevanz für die Arbeitswelt vorstellen?
Reiss: Das ist ein sehr komplexes Thema ist, aber ich will es versuchen. Man kann sagen, dass „Anerkennung“, „Rache/Wettkampf“ und „Emotionale Ruhe“ die Motive des Profils sind, die in ihrer Kombination Aussagen über die psychische Stabilität von Personen ermöglichen. Während zum Beispiel „Rache/Wettkampf“ das Streben nach Konfliktvermeidung auf der einen und Wettkampf und Siegenwollen auf der anderen Seite zeigt, misst das „Ruhe“-Motiv unser Bedürfnis nach Angstvermeidung bzw. Risikofreude. Es lässt so Rückschlüsse auf die Stressresistenz von Menschen zu.
In einen Führungskontext gestellt, sind auch Motive wie Macht, Unabhängigkeit, Ehre, Idealismus, Neugier, Status, Sparen, Ordnung und Beziehungen relevant. Die restlichen Motive körperliche Aktivität, Ernährung, Eros und Familie seien hier der Vollständigkeit halber erwähnt.

Wie muss man sich die Arbeit mit dem Reiss Profile in der Praxis vorstellen?
Reiss: Alle die genannten Motive werden in einem standardisierten Test erfasst und lassen sich anhand der Ausprägung im Profil analysieren. Dabei gilt: Die durchschnittliche Ausprägung eines Motivs gibt keine großen Aufschlüsse über die Persönlichkeit, denn das darauf basierende Verhalten wird von der Gesellschaft als „normal“ empfunden. Soll heißen: Ein Mensch muss keine besonderen Verhaltensweisen oder Gewohnheiten entwickeln, um das entsprechende Motiv erfüllt zu bekommen.

Anders sieht es mit sehr stark oder sehr schwach ausgeprägten Motiven aus. In diesem Fall muss das Individuum besondere Verhaltensweisen und Gewohnheiten entwickeln, um die in diesen Bereich fallenden Motive regelmäßig erfüllt zu bekommen und eine Gefühlstiefe zu erreichen. Das Reiss Profile lässt somit Aussagen über persönliche Motive und Werte und unveränderliche Wesensmerkmale zu. Darauf basierend wird es möglich, auch das Verhalten von Menschen vorherzusagen.

Lassen sich aus den Motiven bestimmte Persönlichkeitstypen ableiten?
Reiss: Ich möchte das so nicht mit „ja“ beantworten, denn es führt schnell zu Stereotypen. Unser Ansatz zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er das Individuum betont. Durch die feine Differenzierung und die Sensibilisierung dafür, wie sich Motivationsprofile unterscheiden, fördert unser Ansatz die Toleranz und Wertschätzung für die Unterschiede zwischen Menschen.

In Ihrem Buch „The Normal Personality: A New Way of Thinking About People“** setzen Sie sich intensiv mit unterschiedlichen Verhaltensweisen auseinander. Was ist der neue Weg des Denkens über Menschen, den Sie dabei aufzeigen wollen?
Reiss: Für mich lautet die entscheidende Frage: Wer definiert, welche Verhaltensweisen wir als gesund oder krank empfinden? Wir neigen oftmals dazu, Andersdenkende abzulehnen oder vorschnell als psychisch krank einzuordnen. Man kann menschliches Handeln jedoch auch ganz anders betrachten. Hinter persönlichen und Beziehungsproblemen verbergen sich oft ganz „normale“ Antriebe. Es geht um eine Weiterentwicklung meiner Motivationstheorie und die Anwendung auf unterschiedliche Lebensbereiche – zum Beispiel Führungssituationen und Alltagskommunikation.

In Deutschland wird das Reiss Profile in den letzten Jahren sehr erfolgreich in der Arbeit mit Spitzensportlern eingesetzt. Beispiele sind der Olympiakader der Gewichtheber, die Handballnationalmannschaft der Männer, die Biathletinnen und Biathleten, aber auch einige Fußballbundesligisten. Was halten Sie von diesem Ansatz?
Reiss: Ich begrüße das außerordentlich. In Deutschland ist es so, dass Peter Boltersdorf, der selbst jahrelang sehr erfolgreich im Spitzensport trainierte, das Reiss Profile in den Sportbereich eingeführt hat. Er arbeitet dabei direkt mit den Trainern und den Sportlern und zeigt zum Beispiel, wie der Athlet sein Verhalten in Stress-Situationen verbessern kann. Er schaut aber auch auf das Verhältnis zwischen Trainer und Athleten oder zwischen den Spielern eines Teams. Das Reiss Profile ist mittlerweile sogar zu einem Teil der Ausbildung an der Trainerakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes geworden.

Welche weiteren Anwendungsfelder gibt es?
Reiss: Sie können die Methode überhaupt dort einsetzen, wo es darum geht, Mitarbeiter auszuwählen, zu motivieren und zu führen. Wie leistungsfähig ein Mitarbeiter ist, das wird in erster Linie durch „Wissen“, „Können“ und „Wollen“ definiert. Der Aspekt des „Wollens“ wird meiner Meinung nach bislang jedoch vernachlässigt. Das Problem dabei ist, dass Motivationsdefizite sich nicht durch Qualifikationsmaßnahmen kompensieren lassen. Genau hier bietet das Reiss Profile Unterstützung. Führungskräfte können damit ihr eigenes Führungsverhalten optimieren. Bei der Personalauswahl unterstützt das Profil dabei, die richtigen Leute an den richtigen Platz zu setzen. Das sind nur wenige Beispiele, die sich beliebig fortführen ließen.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Was sind für Sie die wichtigsten Ziele Ihrer weiteren Arbeit?
Reiss: Mein Wunsch ist, dass es uns gelingt, im wirtschaftlichen Umfeld zum Entstehen einer neuen Kultur in der Personalarbeit beizutragen. Letztlich geht es ja auch darum, die Eigenverantwortung der Beteiligten zu fördern und sie dort abzuholen, wo sie ihre Motivation finden. Vereinfacht gesagt: Wenn man wissen möchte, was Menschen in Zukunft tun werden, muss man zuerst herausfinden, was sie wirklich wollen – und dann davon ausgehen, dass sie diese Wünsche in ihrem Handeln auch befriedigen werden.

Das Interview wurde anlässlich des letzten Deutschlandsbesuchs von Steven Reiss im September 2009 in Köln geführt.

* 2009 unter dem Titel „Wer bin ich und was will ich wirklich? Mit dem Reiss Profile die 16 Lebensmotive erkennen und nutzen“ im Redline Verlag auf Deutsch erschienen.

** 2009 unter dem Titel „Das Reiss Profile. Die 16 Lebensmotive. Welche Werte und Bedürfnisse unserem Verhalten zugrunde liegen“ im GABAL Verlag auf Deutsch erschienen.

Links:
reissprofile.eu

faculty.psy.ohio-state.edu


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